Eines Tags erklärte Stroop beim Tee:

„Das müssen Sie aber unbedingt sehen, Wanja, ein authentischer Raskolnik alter Richtung. Stellen Sie sich vor: er ist 18 Jahre alt, trägt die Podjowka, trinkt keinen Tee; seine Schwestern leben in einem altgläubigen Kloster; er hat ein Haus an der Wolga mit hohem Palisadenzaun und Kettenhunden, wo man sich um neun Uhr abends schlafen legt, so etwas wie Petscherski es beschreibt, nur weniger süsslich. Das müssen Sie unbedingt sehen. Gehen wir morgen zu Sassadin, er besitzt eine interessante ‚Himmelfahrt‘; dorthin kommt auch unser Typ, und ich mache Sie mit ihm bekannt. Notieren Sie sich auf alle Fälle die Adresse; ich fahre vielleicht direkt von der Ausstellung hin und Sie werden ihn selbst aufsuchen müssen.“ Und Stroop diktierte, wie etwas Wohlbekanntes, ohne in sein Notizbuch zu blicken: „Simbirskaja Strasse Nr. 36, Wohnung 103, Möblierte Zimmer. — Sie werden sich dort schon zurechtfragen.“

*

Hinter der Wand hörte man das dumpfe Gespräch zweier Stimmen; die Uhr mit den Gewichten tickte leise; auf Stühlen und Fensterbrettern waren verräucherte Heiligenbilder und in lederbezogene Bretter gebundene Bücher aufgestapelt; es war staubig und roch muffelig und aus dem Korridor drang durch das Fenster über der Tür der faulige Geruch von Sauerkohlsuppe. Sassadin, der vor Wanja stehend, sich seinen russischen langen Rock anzog, sagte:

„Larion Dmitrijewitsch wird erst nach vierzig Minuten, vielleicht sogar nach einer Stunde kommen; ich muss hier in der Nähe ein Heiligenbild holen gehen und weiss nun nicht, wie wir das jetzt machen. Warten Sie vielleicht hier oder gehen Sie unterdessen irgendwohin?“

„Ich bleibe hier.“

„Nun gut, und ich komme gleich wieder. Sehen Sie sich nicht, bis ich komme, die Bücher an?“ und Sassadin, der Wanja ein verstaubtes Exemplar des Limonarj hingelegt hatte, verschwand eilig durch die Tür, durch die jetzt stärker der faulige Geruch von Sauerkohlsuppe hereindrang. Wanja trat ans Fenster und schlug die Legende auf, die berichtet, wie ein frommer Greis nach dem zufälligen Besuche eines Weibes, das einsam, in derselben Wüste wie er, lebte, immer wieder mit sündigen Gedanken zu jenem Weibe zurückkehrte und es schliesslich nicht mehr ertragen konnte, in sengender Glut seinen Stab ergriff und, wie ein Blinder vor sündiger Begier taumelnd, sich zu der Stelle aufmachte, wo er das Weib zu finden hoffte; und in der Verzückung sah er die Erde sich auftun und in ihr lagen drei Leichen: ein Weib, ein Mann und ein Kind. Und er hörte eine Stimme: ‚Das ist ein Weib, das ist ein Mann und das ist ein Kind, wer vermag sie jetzt zu unterscheiden? Gehe hin und stille deine Begierde.‘ Alle sind gleich, alle sind gleich vor dem Tode, vor der Liebe und vor der Schönheit, alle schönen Leiber sind gleich, und nur die sündige Begier lässt den Mann dem Weibe nachstellen und das Weib dürsten nach dem Manne.

Hinter der Wand fuhr die junge, etwas heisere Stimme fort:

„Na, Onkel Jermolai, wenn du immer schimpfst, geh’ ich fort.“

„Ja, wie soll man dich faulen Schlingel nicht schelten? Hat der Kerl angefangen Dummheiten zu treiben!“