„Nein wirklich, kommen Sie schon lieber ein anderes Mal: eben kann er Sie unmöglich empfangen. Er ist nicht allein,“ fügte Fjodor, seine Stimme dämpfend, hinzu.

„Fjodor!“ rief Stroop aus dem Hintergrunde des Korridors, und Fjodor stürzte geräuschlos fort.

Wanja wartete ein paar Minuten und ging dann auf die Treppe hinaus, die Tür zuziehend, hinter der wieder gedämpfte, aber laute und zornige Stimmen hörbar wurden. Unten, im Vestibül stand eine kleine Dame in graugrünem Kleide und schwarzer Jacke vor dem Spiegel und nestelte an ihrem Schleier. Hinter ihrem Rücken vorbeigehend, erkannte Wanja sie, ohne dass sie ihn bemerkte, es war Nata. Nachdem sie ihren Schleier in Ordnung gebracht hatte, stieg sie langsam die Treppe hinauf und drückte den Knopf der Klingel an Stroops Wohnung, während der zurückgekommene Portier Wanja auf die Strasse hinausliess.

*

„Was ist das?“ unterbrach sich Alexej Wassiljewitsch bei der Lektüre des Morgenblattes: „Rätselhafter Selbstmord. Gestern, den 21. Mai, machte auf der Furstadtskaja Strasse in der Wohnung des englischen Untertans L. D. Stroop, das junge, hoffnungsvolle Fräulein Ida Holberg die Abrechnung mit dem Leben. Die jugendliche Selbstmörderin bittet in einem hinterlassenen Schreiben, ihren Tod niemand zur Last zu legen, allein die Umgebung, in der der traurige Vorfall sich abgespielt hat, ruft die Annahme hervor, dass er einen romantischen Hintergrund habe. Nach Angaben des Wohnungsinhabers, hat die Verschiedene, während einer heftigen Auseinandersetzung, nachdem sie etwas auf ein Stück Papier geschrieben, plötzlich seinen, Stroops, für eine Reise vorbereiteten Revolver ergriffen und, bevor die Anwesenden noch etwas zu tun vermochten, sich eine Kugel in die rechte Schläfe geschossen. Die Lösung des Rätsels wird dadurch erschwert, dass der Diener des Herrn Stroop, Fjodor Wassiljew Solowjew, Bauer aus dem Gouvernement Orel, am selben Tage spurlos verschwunden ist, und dass die Personalien der Dame, die eine halbe Stunde vor dem fatalen Ereignis die Stroopsche Wohnung betreten hat, wie der Grad ihres Einflusses auf die tragische Lösung bisher nicht festgestellt werden konnten. Die Untersuchung ist eingeleitet.“

Am Frühstückstische schwiegen alle und im Zimmer, das von Naphthalingeruch erfüllt war, hörte man nur das Ticken der Uhr.

„Nata, was war denn da? Nata? Du weisst es doch?!“ schrie Wanja ausser sich, aber Nata fuhr fort mit der Gabel auf dem leeren Teller zu zeichnen und sagte kein Wort.

Zweiter Teil

„Denk nur, Wanja, wie sonderbar das ist: ein fremder Mensch, ein ganz fremder Mensch, andere Beine hat er und andere Haut und andere Augen, und doch ist er ganz dein Eigen, ganz, ganz. Überall kannst du ihn betrachten, küssen, berühren; und jedes Fleckchen auf seinem Körper, wo es auch sein möge, und die goldenen Härchen, die auf den Armen wachsen, und jede Furche, jede Vertiefung der Haut, die über alles Mass geliebt hat, es ist alles dein. Und du kennst alles: wie er geht, wie er isst, wie er schläft, wie sich die Fältchen in seinem Gesicht verziehen, wenn er lächelt, wie er denkt, weisst du und wie sein Körper riecht. Und dann kommt es über dich, dass du glaubst, du bist nicht mehr du selbst, sondern es ist, als wärest du und er ein und dasselbe: mit deinem Fleische, mit deiner Haut pressest du dich an ihn, und wenn dann die Liebe in dir ist, Wanja, dann gibt es kein grösseres Glück auf Erden; aber ohne Liebe ist es unerträglich, unerträglich. Und ich sage dir, Wanja, es ist leichter, liebend nicht zu besitzen, als besitzen ohne Liebe! Die Ehe, die Ehe: nicht das ist ein Sakrament, was der Priester einsegnet, und wenn dann Kinder kommen: die Katze da, die wirft viermal im Jahre; aber wenn die Seele in Verlangen entbrennt sich einem andern hinzugeben und ihn ganz zu nehmen, und sei es nur für eine Woche, nur für einen Tag, und wenn bei beiden die Seele in Flammen loht, dann ist’s ein Zeichen, dass Gott sie vereint hat. Sünde ist es mit kaltem Herzen oder aus Berechnung nehmen oder sich hingeben, wen aber der feurige Finger berührt hat, der bleibt rein vor dem Herrn, was er auch tun möge. Was er auch getan haben möge, wen der Geist feuriger Liebe berührt hat, alles wird ihm vergeben werden, denn er ist dann schon nicht mehr Herr seiner selbst, der Geist erfüllt ihn, er handelt in Verzückung . . .“

Und Marja Dmitrijewna war erregt aufgestanden, ging bis zum nächsten Apfelbaum, und kam zurück und liess sich wieder auf der Bank neben Wanja nieder, von wo aus man einen Teil der Wolga, unendliche Wälder auf dem anderen Ufer und weit nach rechts eine weisse Dorfkirche jenseits des Flusses sehen konnte.