„Es ist schrecklich, Wanja, wenn die Liebe uns berührt; freudig und doch schrecklich; als flöge man, ist es, und fiele immer tiefer, oder als stürbe man, wie man das zu träumen pflegt; und dann sieht man immer nur eins, das, was im Gesicht des Geliebten uns traf: ob’s nun die Augen sind oder die Haare oder sein Gang. Und es ist doch sonderbar: man sieht das Gesicht — was ist denn Besonderes darin? Eine Nase in der Mitte, ein Mund, zwei Augen. Was erregt uns denn so, was fesselt uns in diesem Gesicht? Und man sieht doch viele Gesichter, und hübsche darunter, man hat seine Freude daran, wie an einer Blume oder an einem Stück Brokatstoff, und ein anderes Gesicht ist gar nicht hübsch und doch dreht’s uns die Seele im Leibe um, und nicht allen, nein, nur dir allein und nur dieses Gesicht: woher kommt das? Und noch eins,“ setzte die Sprecherin zögernd hinzu, „Männer lieben Weiber und Weiber lieben Männer, man sagt es kommt vor, dass auch Weiber Weiber lieben und Männer Männer, man sagt es soll vorkommen, ich habe selbst in den Legenden der Heiligen davon gelesen: von der heiligen Jewgenia, von den heiligen Nifont, Pawnutj Borowski; dann auch vom Zaren Iwan Wassiljewitsch, dem Grausen. Ja, und es ist auch nicht schwer daran zu glauben, kann denn nicht Gott auch diesen Stachel in das Menschenherz drücken? Und es ist schwer, Wanja, gegen das zu kämpfen, was in uns gelegt ist, und es ist vielleicht auch Sünde.“

Die Sonne war fast schon hinter dem fernen zackigen Forst verschwunden und der an drei Windungen sichtbare Spiegel der Wolga leuchtete in Gelb und rosigem Golde auf. Marja Dmitrijewna blickte stumm zu den dunklen Wäldern am anderen Ufer und zum verblassenden Abendrot am Himmel hinüber; auch Wanja schwieg, den Mund halb geschlossen, als fahre er fort, Marja Dmitrijewna mit seinem ganzen Wesen zu lauschen, dann sagte er plötzlich halb traurig und halb verurteilend:

„Aber es kommt doch vor, dass die Menschen auch so sündigen: aus Neugier oder aus Stolz, aus Eigennutz.“

„Ja, es kommt vor, was kommt nicht alles vor! Das ist dann ihre Sünde,“ gestand Marja Dmitrijewna gedrückt, ohne ihre Stellung zu ändern, und ohne sich Wanja zuzuwenden, „aber die, denen es eingegeben ist, die haben es schwer, ach Wanja, so schwer! Ich murre nicht; anderen mag ja das Leben leichter werden, aber es ist ohne Zweck, wie Suppe ohne Salz: sättigend, aber nicht schmackhaft.“

*

Nachdem man zuerst in den Wohnzimmern, auf der Veranda, im Flur, auf dem Hofe unter den Apfelbäumen das Mittagessen hatte decken lassen, setzte man sich jetzt im Keller zu Tische. Im Keller war es dunkel, es roch nach Malz, Kohl und ein wenig auch nach Mäusen, aber es hiess, dass es hier nicht so heiss sei, und dass es keine Fliegen gäbe; der Tisch wurde gerade vor die Tür gestellt, um mehr Licht zu haben, und wenn Malanja, die fast im Laufschritt mit den Speisen über den Hof daherkam, vor der Kellertür stehenblieb, um im Dunkeln die Stufen hinunterzusteigen, wurde es noch finsterer und die Köchin unterliess es niemals zu knurren: „Das ist aber eine Finsternis, Gott verzeih’s! Sag nun ein Mensch, was sie sich ausdenken, wohin sie sich verkrochen haben!“ Mitunter, wenn es zu lange dauerte, lief der kraushaarige Sergej, der Gehilfe aus dem Laden, welcher zusammen mit Iwan Ossipowitsch zu Hause ass, das Essen holen; und wenn er dann die Speisen über den Hof trug und die Schüssel mit beiden Händen hoch emporhob, trottete auch die Köchin, einen Löffel oder eine Gabel in der Hand, hinter ihm her und schrie: „Ja, was soll denn das, als ob ich das Essen nicht selbst bringen könnte?! Wozu war es nötig, Sergej zu jagen? Ich hätte es ja bald gebracht . . .“

„Sie hätten es bald gebracht und ich bringe es gleich,“ parierte Sergej, der selbstzufrieden mit dem Geschirr klappernd, die Schüssel vor Arina Dmitrijewna hinstellte und sich auf seinen Platz zwischen Iwan Ossipowitsch und Sascha setzte.

„Und wozu hat nur Gott eine solche Hitze erdacht?“ forschte Sergej. „Niemand braucht sie: das Wasser trocknet aus, die Bäume verdorren, — alle haben es schwer . . .“

„Die Felder brauchen die Hitze.“

„Und auch den Feldern bringt Hitze zu unrechter Zeit und ohne Mass keinen rechten Nutzen. Aber ob nun zu rechter Zeit oder nicht, alles ist von Gott gesandt.“