Am Peterstage wollte man in ein altgläubiges Kloster fahren, das etwa vierzig Werst jenseits der Wolga lag, um an einem so hohen Feiertage den Gottesdienst mit einem Priester zu hören und Anna Nikanorowna, eine entfernte Verwandte von Sorokins, besuchen, die in der Klosterzeidlerei lebte; nach Tscheremschany zu fahren, wo die Töchter Prochor Nikititschs lebten, verschob man auf den Eliastag, um dort bis zum Schlusse der Messe in Nishni zu bleiben, die auch Wanja besuchen wollte. Im September sollten die Frauen aus Tscheremschany, die Männer aus Nishni zurückkehren, und Wanja sollte schon Ende August geraden Wegs, ohne hierher zurückzukommen, nach Petersburg reisen. Ein paar Tage vor dem Aufbruch, als alles schon gepackt war, und alle beim Abendtee sassen und sich zum zehntenmal darüber unterhielten, wohin und für wie lange jeder fahren werde, bekam Wanja, der seit seiner Ankunft noch keinen erhalten hatte, mit der Abendpost gleich zwei Briefe. Einer kam von Anna Nikolajewna, sie bat ihn, sich in Wassilsursk nach einem kleinen Landhause, nicht teurer als sechzig Rubel, umzusehen, weil Nata schliesslich so nervös geworden, dass sie unmöglich in der Nähe von Petersburg auf dem Lande leben könne; Koka sei, um seinen Kummer zu zerstreuen, nach Nodendal bei Hangö gereist, und Alexej Wassiljewitsch, Onkel Kostja und Boba würden ganz einfach in der Stadt bleiben. Der zweite Brief war von Koka, wo er unter Phrasen seines Schmerzes über ‚den Tod dieses idealen Mädchens, das dieser Taugenichts ins Verderben gestürzt‘, berichtete, dass das Kurhaus sich in nächster Nähe befinde und es eine Menge Damen gäbe, dass er den ganzen Tag Veloziped fahre usw. usw.

„Weshalb schreibt er mir das alles?“ dachte Wanja, nachdem er den Brief durchgelesen hatte; „hat er niemand ausser mir, mit dem er davon sprechen kann?“

„Meine Tante und Cousine bitten mich, ein Landhaus für sie zu suchen, sie wollen hierher kommen.“

„Das trifft sich gut, die Hermannsche hat, glaub’ ich, gerade eins leer stehen, es wollten Leute aus Astrachanj kommen, aber bis jetzt sind sie noch nicht da; da hätten auch Sie es nicht weit.“

„Fragen Sie sie doch, Arina Dmitrijewna, ob sie es nicht für sechzig Rubel abgeben will und überhaupt, wie es damit bestellt ist.“

„Sie gibt es auch für fünfzig, seien Sie nur ruhig, ich besorge schon alles.“

Wanja war in sein Zimmer gegangen und sass noch lange, ohne Licht zu machen, am Fenster und dachte an Petersburg, die Kasanskis, Stroop und seine Wohnung, und ohne zu wissen weshalb, besonders an Fjodor, wie er ihn zum letzten Male gesehen hatte, im rotseidenen Hemde ohne Gürtel, mit dem Lächeln im geröteten, aber der Röte ungewohnten Gesicht, in der Hand die Karaffe; er zündete ein Licht an, holte den Band Shakespeare mit ‚Romeo und Julia‘ hervor und versuchte zu lesen; er hatte kein Wörterbuch und verstand ohne Stroop nur den geringsten Teil, aber ein Strom von Schönheit und Leben ergriff ihn, wie nie vorher, als wäre etwas Verwandtes, schon längst nicht Gesehenes, Halbvergessenes wieder lebendig geworden und hielte ihn mit heissen Armen umfasst. Es klopfte leise an die Tür.

„Wer ist da?“

„Ich, kann ich hineinkommen?“

„Bitte.“