„Was für eine Menge Vergissmeinnicht auf dem Sumpfe blühen!“ rief Marja Dmitrijewna ein Mal über das andere, als sie die sumpfige Wiese entlang fuhren, die ganz mit hohem Sumpfgrase und den blauen Blumen bedeckt war, auf denen mit den glänzenden Flügeln und grünlichen Körpern leise zitternde Libellen sassen. Sie war mit Wanja hinter dem ersten Wagen zurückgeblieben, in dem Arina Dmitrijewna mit Sascha fuhr. Bald stieg Marja Dmitrijewna aus dem Wagen und ging den Fussweg dem Sumpf und Wald entlang, bald stieg sie wieder ein, dann wieder ordnete sie die gepflückten Blumen, sang etwas vor sich hin, und unterhielt sich die ganze Zeit mit Wanja, als spräche sie mit sich selbst; sie schien trunken von der Sonne, dem blauen Himmel und den blauen Blumen. Und Wanja blickte mit fast herablassender Teilnahme in das strahlende und wie das eines Backfisches jung gewordene Gesicht dieser dreissigjährigen Frau.
„In Moskau hatten wir einen wunderschönen Garten, wir wohnten in der Samoskworetschje: Apfelbäume, Flieder blühten, in einer Ecke war ein Quell und ein Strauch schwarzer Johannisbeeren; im Sommer fuhren wir nirgendwohin, so sass ich denn den ganzen Tag im Garten; dort kochte ich auch den Beerensaft für den Winter ein . . . . Ich liebe so barfuss über die heisse Erde zu gehen, Wanja, oder im Flusse zu baden, man sieht durch das Wasser seinen Körper, sieht wie die vom Wasser zurückgeworfenen Sonnenflecken über ihn hingleiten und wenn man untertaucht und die Augen öffnet, dann ist alles so grün, und man kann die Fischchen vorbeihuschen sehen, und hernach legt man sich in den heissen Sand zum Trocknen, ein Windhauch weht vorüber. Wunderbar! Und am besten ist es, wenn man allein liegt, keine Freundin dabei ist. Und es ist nicht wahr, was die alten Weiber sagen, dass der Körper Sünde ist, die Blumen, die Schönheit — Sünde, sich baden — Sünde. Hat nicht Gott dies alles geschaffen: das Wasser und die Bäume und den Körper? Sünde ist es, sich dem Willen des Herrn zu widersetzen: wenn jemand für etwas eine Bestimmung hat, zum Beispiel, wenn er nach etwas strebt, ihm dieses verbieten, das ist Sünde! Und wie muss man sich beeilen, Wanja, es lässt sich gar nicht sagen wie! Wie eine gute Hausfrau sich rechtzeitig mit Kohl und Gurken versorgt, weil sie weiss, dass sie später sie nicht bekommen wird, so müssen auch wir uns zu rechter Zeit sattsehen und sattlieben und sattatmen, Wanja! Wie lange währt unser Leben? Und die Jugendzeit ist noch kürzer, und der Augenblick, der vorübergeht, kehrt nie mehr wieder; und daran müsste man sich immer erinnern, dann wäre alles doppelt so süss, wie einem neugebornen Kinde, das eben erst die Augen aufgetan, oder wie einem Sterbenden.“
In der Ferne hörte man die Stimmen Arina Dmitrijewnas und Saschas; hinten holperte Parfjons Wagen über den Faschinenweg, die Fliegen summten, es roch nach Gras, Sumpf und Blumen; es war heiss und Marja Dmitrijewna sass in schwarzem Kleide, das weisse Kopftuch aufgeknüpft, von Müdigkeit und Hitze blass geworden, mit strahlenden dunklen Augen, etwas gebeugt neben Wanja im Wagen und ordnete die gepflückten Blumen.
„Es ist mir ganz dasselbe, ob ich für mich denke oder mit Ihnen denke, lieber Wanja, oder mit Ihnen spreche, weil Sie eine kindliche Seele haben.“
Bei einer Wendung des Weges öffnete sich ein Blick auf eine grosse Lichtung und auf ihr stand ein Haufen Häuser mit den Türen nach innen; viele dieser Häuser hatten überhaupt keine Fenster oder bloss Fenster im oberen Geschoss, das machte sie Scheunen ähnlich, sie standen, von der Zeit grau geworden, in einen Haufen zusammengedrängt da, ohne dass man eine Strasse gewahrte oder Leute sah, nur das Hundegebell im Kloster begrüsste den bestaubten Wagen, in dem Arina Dmitrijewna und Sascha sassen.
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Nach der Messe machten sich Sorokins und Wanja zum Einsiedler Leontij auf, der eine halbe Werst vom Kloster in der Zeidlerei lebte. Als sie durch den schattigen Waldstreifen auf die Lichtung hinaustraten, wo man unter dem hohen Grase und den Blumen einen unsichtbaren Bach in seiner Holzrinne rauschen hören konnte, berichtete Arina Dmitrijewna Wanja über den Einsiedler Leontij:
„Aus der grossrussischen Kirche ist er zur wahren Kirche übergetreten, schon lange, es ist an die dreissig Jahre her und schon damals war er nicht mehr jung. Ein starker Greis, ein Eiferer ist er, vier Jahre stand er vor Gericht, zwei Jahre hat er in Susdalj verbüsst; er ist gross im Fasten und betet mit einem Eifer, wie ein aufgezogenes Uhrwerk! Und alles sieht er voraus . . . Wanja, sagen Sie ihm lieber nicht, dass Sie zur griechisch-orthodoxen Konfession gehören, vielleicht nimmt er Anstoss daran.“
„Aber vielleicht unterweist er mich dann noch besser?“
„Nein, sagen Sie es ihm schon lieber nicht.“