„Gut, gut,“ sagte Wanja zerstreut und blickte interessiert zur niederen Hütte hinüber, die von rosenroten Malven umgeben war, und vor der ein grauhaariger Greis mit langem schmalem Barte und lebhaften, fröhlich dreinblickenden Augen sass, der ein weisses Gewand trug und ein Käppchen auf dem Kopfe hatte.

„Wie also der Pope zu mir nach oben kommt, geht er gleich an den Tisch und fängt an, im Evangelium herumzublättern: ‚Dein Glück, dass es eine erlaubte Ausgabe ist, sonst würde ich sie konfisziert haben, deine Porträts aber und die Handschriften, die nehme ich dir unbedingt weg.‘ Bei mir hingen nämlich die Bildnisse Semjon Denissows, Peter Filippows und noch einiger anderer an der Wand. Ich war noch nicht alt und stark und sagte: ‚Das sollte mir grad noch fehlen, dass ich dir erlaubte, die Bilder anzurühren.‘ Der Diakon war ganz betrunken und meinte bloss stöhnend: ‚Vater, haltet ein!‘ Da warf der Pope mich aufs Bett und wollte mich aus einer Unterschale mit Tee begiessen, das sollte dann meine Taufe sein; aber ich wehrte mich und er musste mich loslassen. ‚Auf Wiedersehen,‘ sagte er, ‚wir sprechen uns noch.‘ Und wie ich hinausging, Sie zu begleiten, da packte er mich am Arm und stiess mich den Abhang hinunter.“

Und der Alte fuhr fort, als sage er eine Lektion auf, zu erzählen, wie er bei den Nekrassowzy in der Türkei gewesen, wie man ihn hatte ermorden wollen, wie über ihn gerichtet wurde, wie er im Klostergefängnis in Susdalj eingesperrt gewesen und wie ihn überall das Kreuz mit den Reliquien gerettet hatte, und er brachte tief gebeugt ein hohles Kreuz aus der Hütte heraus, auf dessen kupferner Fassung eingegraben stand: „Reliquien des heiligen Wundertäters Peter, des Metropoliten von Moskau, der heiligen rechtgläubigen Fürstin Fewronija von Murom, des heiligen Propheten Jonas, des heiligen rechtgläubigen Zarewitsch Dmitrij, unserer heiligen Mutter Maria von Ägypten.“

In der Hütte sah man Heiligenbilder auf den Wandbrettern stehen, das Licht der Lämpchen und der Kerzen schimmerte rötlich, auf dem Fensterbrett und auf dem Tische lagen Bücher, an einer Wand stand eine kahle Holzbank mit einem Scheit am Kopfende. Und der Einsiedler Leontij sprach mit singender Stimme und sah dabei Wanja mit lustigen Augen an, die nicht mit seinen Worten im Einklang standen:

„Sei standhaft im rechten Glauben, mein Sohn, denn was steht höher, denn der rechte Glaube? Er sühnt alle Sünden und führet in die Hallen des ewigen Lichtes. Das ewige Licht aber unseres Herrn Jesus Christus müssen wir lieben über alles in der Welt. Was ist ewig, was ist unvergänglich, wenn es nicht das lichte Paradies, der Seelen Rettung, ist? Lockt dich ein Blümlein — morgen wird es welken, liebst du einen Menschen — morgen wird er sterben: die hellen Äuglein verlöschen und fallen ein, die roten Wangen werden gelb, Haare und Zähne wirst du verlieren und du bist ganz der Würmer Beute. Wandelnde Leichen, das sind wir Menschen in dieser Welt.“

„Jetzt wird es ja leichter werden, man wird erlauben, altgläubige Kirchen zu bauen, öffentlichen Gottesdienst zu halten,“ versuchte Wanja den Alten abzulenken.

„Jage nicht dem nach, was leicht ist, sondern strebe nach dem, was schwer ist! An dem, was leicht ist, an Freiheit und Reichtum, gehen die Völker zugrunde, aber in schweren Leiden bewahren sie ihren Glauben. Hinterlistig ist des Menschen Feind, geheim sind seine Ränke, und jede Gnade muss man darauf prüfen, woher sie kommen möge.“

„Woher rührt seine Verbitterung?“ fragte Wanja, als sie die Zeidlerei verliessen.

„Und sind denn die Menschen schuld daran, dass sie sterben müssen?“ stimmte Marja Dmitrijewna ihm bei. „Ich würde das nur noch mehr lieben, was bestimmt wäre, morgen unterzugehen.“

„Lieben kann man alles, man muss nur nicht sein Herz an eins allein hängen, damit es uns nicht verschlinge,“ bemerkte Sascha, der die ganze Zeit geschwiegen hatte.