„So ein Philosoph hat uns gerade noch gefehlt,“ sagte geringschätzend die Tante.
„Hab ich vielleicht keinen Kopf?“
„Und wie er bloss nicht erkannt hat, dass Sie nicht rechtgläubig sind? Aber vielleicht hat er vorausgesehen, dass Sie noch zum rechten Glauben kommen werden!“ sagte Arina Dmitrijewna, Wanja zärtlich ansehend.
Im Zimmer, das nur von einem Lämpchen vor dem Heiligenbilde beleuchtet wurde, war es fast ganz dunkel geworden; durchs Fenster konnte man den sattroten, nach oben zu gelblich abgetönten Abendhimmel sehen, von dem sich der schwarze Forst hinter der Lichtung abhob, und Sascha Sorokin, dessen schwarze Silhouette sich vom Fenster abzeichnete, das im Abendrot leuchtete, fuhr fort:
„Das ist schwer zu vereinigen! Wie einer von den Unsrigen einmal sagte: ‚Wie soll man nach dem Theater zu Jesus beten? Es ist leichter, jemand totzuschlagen.‘ Und tatsächlich, morden, stehlen, ehebrechen, das kann man unabhängig vom Glauben, den man hat, aber den ‚Faust‘ verstehen und dann mit Überzeugung den Rosenkranz herunterbeten, das ist undenkbar, das hiesse wahrhaftig den Teufel herausfordern. Und wenn der Mensch nicht sündigt und die Gebote hält, aber von ihrer Notwendigkeit und Heilsamkeit nicht überzeugt ist, so ist das schlimmer, als wenn er sie nicht hielte, aber glaubte. Und wie soll man glauben, wenn man keinen Glauben hat? Wie soll man nicht wissen, was man weiss, vergessen, woran man sich erinnert? Und da darf man nicht urteilen: dies ist weise und ich werde es erfüllen, und jenes sind Nichtigkeiten: wer heisst uns so zu urteilen? Solange die Kirche sie nicht aufgehoben hat, müssen wir alle ihre Vorschriften befolgen, und müssen die weltlichen Künste meiden, dürfen uns nicht von Ärzten behandeln lassen, die einen anderen Glauben haben, müssen alle Fasten halten. Den alten orthodoxen Glauben können nur die Einsiedler im Walde halten; weshalb aber soll ich mich als das bezeichnen, was ich nicht bin, und was zu sein ich nicht für nötig halte? Und wie kann ich glauben, dass nur unser Häuflein gerettet werden wird, und dass die ganze Welt in Sünden versunken ist? Und wenn ich das nicht glaube, wie kann man mich dann einen Altgläubigen nennen? So ist es auch hart, einen Glauben, eine Lebensauffassung, die keine anderen dulden, anzunehmen, und wenn man sie alle zugleich begreift, kann man in keinem rechtgläubig sein.“
Saschas Stimme verstummte, wurde aber wieder laut, als Wanja, der auf dem Bette lag, aus der Dunkelheit keine Antwort gab.
„Ihnen, dem Abseitsstehenden, wird unser Leben, unser Glaube, unser Ritus verständlicher, deutlicher sichtbar sein, als uns selbst, und auch unsere Leute werden Sie verstehen können, aber Sie werden von ihnen nicht verstanden werden, oder Papa und unsere Ältesten werden bloss einen Teil und zwar nicht den wichtigsten begreifen und Sie würden ihnen immer ein Fremder, ein Aussenstehender bleiben. Dabei lässt sich nichts machen! Wie ich selbst Sie auch lieben und achten möge, lieber Wanja, ich fühle dennoch, dass etwas in Ihnen ist, was mich bedrückt, mich befangen macht. Und unsere Väter haben, wie unsere Grossväter auch, ein anderes Leben geführt, anders gedacht und anderes gewusst, und wir selbst können noch nicht einmal ihnen gleich werden, — in irgendeinem Punkte macht sich doch schliesslich der Unterschied bemerkbar, und der Wunsch allein ändert nichts an der Sache.“
Saschas Stimme war wieder verstummt und lange Zeit hörte man nur den Gesang, der weit, weit her durch die offenstehenden Türen des Bethauses herüberdrang.
„Wie macht es denn Marja Dmitrijewna?“