„Ich denke immer an Tristan und Isolde,“ sagte Wanja zu Orsini, im Korridor auf und ab gehend. „Es ist eine ideale Darstellung der Liebe, eine Apotheose der Leidenschaft, aber wenn man die äussere Seite und das Ende der Geschichte in Betracht zieht, ist es dann eigentlich nicht ganz dasselbe, was wir in der Taverne auf dem Giuogo gesehen haben?“
„Ich verstehe nicht ganz, was Sie sagen wollen. Beunruhigt Sie das Vorhandensein der fleischlichen Vereinigung?“
„Nein, aber jede reale Handlung hat etwas Komisches und Beschämendes: Isolde und Tristan mussten doch ihre Kleider aufknöpfen und ausziehen, Mäntel und Beinkleider waren auch damals schon ebensowenig poetisch, wie unsere Röcke.“
„Welche Gedanken! Das ist komisch!“ lachte Orsini auf, und sah Wanja verwundert an. „Das ist doch immer so; ich verstehe nicht was Sie eigentlich wollen.“
„Wenn die nackte Tatsache ein und dieselbe ist, ist es da nicht gleichgültig, wie man zu ihr gelangt, ob nun in weltenerfüllender Liebe oder in tierischer Brunst?“
„Was haben Sie? Ich erkenne den Freund des Kanonikus Mori nicht wieder! Es ist selbstverständlich, dass die nackte Tatsache nicht wichtig ist, sondern, dass es auf die Stellungnahme zu ihr ankommt, und die empörendste Tatsache, die unglaublichste Situation kann durch die Stellungnahme zu ihr gerechtfertigt und geläutert werden,“ sagte Orsini ernst und fast lehrhaft.
„Vielleicht ist das auch, trotz seiner Erbaulichkeit, wahr,“ bemerkte Wanja lächelnd und setzte sich neben Stroop, den er aufmerksam betrachtete.
*
Sie kamen etwas zu früh auf den Bahnhof, um M-me Monier zu begleiten, die vor der Saison in Paris zwei Wochen in der Bretagne zubringen wollte. Auf dem blassgelben Himmel leuchteten die Kugeln der elektrischen Lampen, man hörte rufen: „Pronti, partenza“, die Reisenden eilten zu den früher abgehenden Zügen, und aus dem Büfett klangen ununterbrochen Bestellungen und das Klappern der Löffel herüber. In Erwartung des Zuges tranken sie Kaffee; auf einem ausgebreiteten „Figaro“ lag ein Bukett Gloire-de-Dijon-Rosen neben den Handschuhen von M-me Monier, die in einem maisfarbenen Kleide mit blassgelben Bändern abseits sass, die Herren witzelten über die eben gelesenen politischen Tagesneuigkeiten, da erschien am nächststehenden Tische Veronica Cybò im Reisekleide mit heruntergezogenem grünem Schleier, der Künstler folgte ihr mit einem Porteplaid und dem Träger mit dem Gepäck.
„Sehen Sie doch, sie reisen fort! Er geht endgültig zugrunde!“ sagte Ugo, der sich mit dem Künstler begrüsst hatte, als er zu seiner Gesellschaft zurückkehrte.