„Es gibt Menschen, die Künstler des Lebens sind; ihr Untergang ist nicht weniger schwer zu ertragen.“

„Und es gibt Dinge,“ fügte Wanja hinzu, „die zu tun es mitunter zu spät ist.“

„Ja, es gibt Dinge, die zu tun es mitunter zu spät ist,“ wiederholte Stroop.

*

Sie traten in eine niedrige Kammer, die nur durch die offenstehende Tür erleuchtet wurde, und in der ein alter Schuster mit einer runden Brille, wie auf einem Bilde von Dou, über einen Stiefel gebückt sass. Nach der Sonne auf der Strasse war es kühl. Es roch nach Leder und Jasmin, von dem einige Blüten in einer Flasche ganz oben unter der Oberlage auf dem letzten Brett eines Regals mit Stiefeln standen; der Geselle betrachtete den Kanonikus, der mit gespreizten Beinen, sich das Gesicht mit einem roten Seidentuche wischend, dasass. Und der alte Giuseppe sagte mit singendem gutmütigem Ton:

„Was bin ich? Ich bin bloss ein armer Handwerker, aber es gibt Künstler, Künstler! Oh, das ist nicht so einfach, einen Stiefel nach den Regeln der Kunst zu nähen; man muss den Fuss studieren, muss ihn kennen, für den man einen Stiefel nähen soll, man muss wissen, wo der Knochen breiter, wo er schmäler ist, wo ein Hühnerauge sitzt, wo das Blatt höher ist, als es sollte. Kein Mensch hat einen Fuss, wie der andere, und man muss ein Pfuscher sein, um zu glauben, dass jeder Stiefel auf jeden Fuss passt. Und ach, was für Füsse gibt es, Signori! Und alle müssen gehen. Gott der Herr hat den Fuss mit fünf Zehen und einer Ferse ausgestattet, und doch hat alles andere, verstehen Sie, ebenso seine Berechtigung. Und wenn einer sechs oder vier Zehen hat, so hat doch auch Gott der Herr selbst ihm solche Füsse gegeben und er muss gehen, wie andere Leute, das muss der Schuhmachermeister dann wissen und es möglich machen.“

Der Kanonikus trank, laut schluckend, Chianti aus einem grossen Glase und fächelte mit seinem breitrandigen Hut die Fliegen weg, die sich ihm auf die mit Schweisstropfen bedeckte Stirn setzten; der Geselle fuhr fort, ihn zu betrachten und Giuseppes Rede klang monoton, singend und einschläfernd.

Als sie über den Platz vor der Kathedrale ins Restaurant Giotto gingen, wo die Geistlichkeit zu verkehren pflegte, begegneten sie dem alten Grafen Ghidetti, der geschminkt, eine Perücke auf dem Kopfe, daherkam und sich fast auf die beiden blutjungen Mädchen stützte, die bescheiden und ehrbar ihm zur Seite gingen. Wanja fielen die Geschichten ein, die über den entnervten Greis, über seine sogenannten ‚Nichten‘, über die Erregungen erzählt wurden, die die abgestumpften Sinne des alten Wüstlings mit dem leichenhaften, geschminkten Gesicht und den von Geist und Witz sprühenden, lebhaften Augen, erheischten; ihm fielen seine Gespräche ein, bei denen aus dem stammelnden Munde Paradoxa, Witze und Geschichten hervorsprudelten, wie sie in unserer Zeit immer seltener werden, und er hörte Giuseppes Stimme sagen: „Wenn einer auch sechs oder nur vier Zehen hat, so hat doch Gott der Herr selbst ihm solche Füsse gegeben, und er muss gehen, wie andere Leute.“

„Die Steine, die Mauern wurden rot, als der Prozess des Grafen verhandelt wurde,“ sagte Mori, in das Zimmer links tretend, das von schwarzen Gestalten Geistlicher und einiger weniger weltlicher Personen gefüllt war, die am Freitage Fastenspeisen zu essen wünschten. Eine ältliche Engländerin unterhielt sich mit einem glattrasierten Jüngling in stark gebrochenem Französisch.

„Wir Konvertiten lieben den Katholizismus um so mehr, sind uns tiefer der ganzen Schönheit und Anmut seines Ritus, seiner Dogmen und Disziplin bewusst.“