„Arme Frau,“ erläuterte der Kanonikus, seinen Hut neben sich auf die Holzbank legend, „sie stammt aus einer reichen, guten Familie, und jetzt läuft sie umher und gibt Stunden, leidet Not, denn sie ist des wahren Glaubens teilhaftig geworden und alle haben sich von ihr losgesagt.“
„Risotto! Dreimal.“
„Wir waren unser dreihundert, als wir aus Pontasieve aufbrachen, Pilger zur Annunziata gibt es immer genug. Der heilige Georg, der Erzengel Michael, die heilige Jungfrau, mit solchen Beschützern braucht man sich im Leben vor nichts zu fürchten!“ verschwamm die Stimme der Engländerin im allgemeinen Lärm.
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„Er war aus Bithynien gebürtig; Bithynien ist mit seinen grünenden Bergen, Wildbächen, Triften die Schweiz Kleinasiens, und er selbst war Hirt, bevor Hadrian ihn zu sich nahm; er begleitete seinen Imperator auf dessen Reisen, und auf einer solchen hat er auch in Ägypten den Tod gefunden. Es waren damals dunkle Gerüchte im Umlauf, dass er sich selbst den Göttern für das Leben seines Beschützers zum Opfer gebracht und den Tod im Nil gesucht habe, andre behaupteten, er sei ertrunken, wie er beim Baden Hadrian retten wollte. In seiner Todesstunde entdeckten die Astronomen einen neuen Stern am Himmel; sein vom Nimbus des Geheimnisvollen umgebener Tod belebte die Kunst, die bereits zu stagnieren begann, seine ungewöhnliche Schönheit wirkte nicht nur auf die Kreise des Hofes, und der untröstliche Imperator, der seinen Liebling ehren wollte, verleibte ihn der Zahl der Götter ein, stiftete ihm zu Ehren Spiele, gründete Palästren, baute Tempel, rief Orakel ins Leben, in denen er zu Anfang selbst in altem Versmass die Antworten schrieb. Aber es wäre ein Irrtum, anzunehmen, dass der neue Kultus nur mit Gewalt im Kreise der Höflinge verbreitet worden, offiziell gewesen und mit seinem Begründer gefallen sei. Wir finden noch mehrere Jahrhunderte später Vereine zu Ehren der Diana und des Antinous, deren Zweck Beerdigung ihrer Mitglieder auf Vereinskosten, Veranstaltung gemeinsamer Mahlzeiten und schlichter Gottesdienste war. Die Mitglieder dieser Vereine — Prototypen der ersten Christenvereinigungen — waren Leute der ärmsten Volksschichten, und auf uns ist ein ganzes Statut einer ähnlichen Einrichtung gekommen. So gewinnt im Laufe der Zeit die Göttlichkeit des Kaiserlieblings den Charakter einer nächtlichen, dem Leben nach dem Tode angehörigen Gottheit, die bei den Alten sehr populär war, freilich nicht die Verbreitung des Mithrakultus erreichte, aber doch eine der stärksten Strömungen der Vergöttlichung des Menschen darstellte.“
Der Kanonikus klappte das Heft zu, sah Wanja über die Brillengläser an und bemerkte:
„Wir haben mit der Sittlichkeit der heidnischen Imperatoren nichts zu schaffen, mein Kind, aber ich kann Ihnen nicht verhehlen, dass das Verhältnis Hadrians zu Antinous selbstredend keineswegs das väterlicher Liebe war.“
„Wie sind Sie darauf verfallen über Antinous zu schreiben?“ fragte Wanja gleichgültig, mit ganz anderen Gedanken beschäftigt, und ohne den Kanonikus anzusehen.
„Ich habe Ihnen vorgelesen, was ich heute morgen geschrieben habe, aber ich schreibe überhaupt über die römischen Cäsaren.“
Wanja kam es komisch vor, dass der Kanonikus über das Leben des Tiberius auf Capri schreibe, und er konnte die Frage nicht unterdrücken: