Morgens machte Florus sich freudig auf den Weg, das heimliche Haus seines Landgutes verlassend, um auf schmalen und breiten Wegen ausgedehnte Spaziergänge zu machen. Gorgo, die der Alte seinem Herrn zugeführt hatte, war still, schweigsam, gehorsam und schlicht, wie ein Kälbchen; ihren gebräunten Körper gab sie leicht und in Reinheit hin; wenn sie zu Hause wartete, sang sie alte Lieder.
Lukas, der Stumme, der selbst aufs Gut hergelaufen war, begleitete seinen Herrn überallhin, Freude in den traurigen Augen und im müden Knabengesicht. Schweigend folgte er, Florus keinen Augenblick in seiner plötzlich wiedergekehrten Heiterkeit verlassend. Immer nur über Bergpfade schweifen, im blumenbunten Grase ruhen, auf dem Rücken liegend, ohne Aufhören zur blauen Feste hinaufstarren, einfache ländliche Lieder singen und den Stummen die Doppelflöte dazu blasen lassen! Die weissen, grellweissen, blendend weissen Wolken standen still über Hain und Fluss; sie warteten. Milchspuren auf den Lippen, unrasiert, mit rotem Munde küsste Florus Gorgo, das städtische Schmachten vergessend, auf den Lauchgeruch nicht achtend. Der stumme Lukas weinte im Winkel. Tag reihte sich an Tag, wie im Kranze sich eine Blume an die andere flicht.
Eines Abends war es, als werde Florus mitten im sorglosen Spiel von tiefer Niedergeschlagenheit befallen oder von einem unsichtbaren Feinde ergriffen. Mit plötzlich heiser gewordener Stimme sagte er: „Was ist das? Woher kommt diese Finsternis? Dieser Kerker?“ Und er legte sich auf das niedrige Lager, kehrte sich zur Wand und seufzte schweigend. Leise kam Gorgo herein und umarmte ihn, der sie nicht ansah. Florus wehrte ihr und sagte:
„Wer bist du? Ich kenne dich nicht! Nicht jetzt. Gib acht, das knarrende Schloss wird den schlafenden Wächter wecken.“
Schweigend trat Gorgo zurück und der Stumme schlich sich, wie ein Hund, wieder herein und küsste die herabhängende Hand des Florus.
V.
Es war eine schwüle Nacht für die Diener, die vor dem Schlafzimmer des Florus schlummerten. Nur Lukas war, stumm und ergeben, bei seinem Herrn geblieben. Lange konnte man nur die Schritte des auf und ab gehenden Ämilius hören. Gegen Morgen umfing die Diener der leise Schlaf vor Sonnenaufgang. Plötzlich wurde die Luft von einem Schrei zerschnitten, der Menschenstimme nicht ähnlich war. Es war, als hätte ein Unirdisches, das Echo weckend, gerufen: „Der Tod!“
Die zögernden Diener, die an die Tür gepocht hatten, wurden vom stummen Knaben ins Gemach hineingelassen, dessen Gesicht vom Schreck bis zur Unkenntlichkeit entstellt war. „Der Tod! Der Tod!“ wiederholte er mit wilder, Worte auszusprechen nicht gewohnter Stimme. Die Diener stürzten sich, ohne über die Laute des Stummen zu staunen, zum Lager, auf dem der Herr mit zurückgefallenem Kopfe und schwarz gewordenem Gesicht bewegungslos dalag. Lukas kehrte zum Lager zurück, als habe er eben erst diesen Platz verlassen, und brach lautlos zusammen.
Mit der Schreckensbotschaft eilte man schnell zum Arzt und zum Schaffner.
Der Stumme hörte nicht auf zu wiederholen: „Der Tod! Der Tod!“ als habe er die Sprache nur für diese Worte allein wiedererhalten.