XV
Die Morgenröte stieg strahlend, freudig aus dem Meer empor und umschlang immer greller den blauen, eben erwachten Himmel, der im Feuer eiliger Wölkchen aufloderte.
Die weite Wasserfläche ruhte noch. Klare, grüne Wellen schlugen schläfrig gegen den Bord des Dampfers; die schlummernde Kühle der Morgendämmerung lag über dem Meere und den blauen, öden Abhängen der schweren Berge. Nur hoch, sehr hoch oben über dem Meer brannten im blauen Himmel einzelne spitze Gipfel, die von ihrer Höhe herab bereits die Sonne erblickt hatten, wie rote, rosige und goldene Flammenzeichen.
Mishujew kroch schwerfällig auf das Verdeck und sah sich mit müden Augen, in denen die schlaflose Nacht brannte, um.
Auf dem Dampfer schlief man noch. Zwei oder drei Matrosen wuschen mit Schwallen von Wasser das nasse, gleißende Verdeck; aus dem Schiffsraum drang ein unbestimmter weckender Laut herauf. Der Dampfer polterte dumpf und gleichmäßig, unmerklich und eintönig quirlte das Wasser. Es war kalt, und die breiten Schultern Mishujews zuckten in häufigen krampfhaften Schauern. Das verschlafene Gesicht sah wie zerknüllt aus, seine Haare waren zerzaust.
Mit schweren Tritten ging er auf Backbord hinüber und stand dort lange, bald das grüne, aufschäumende Wasser, bald die fernen Bergesgipfel, in denen schon der helle, sonnige Tag erglänzte, regungslos betrachtend.
Dann stieg er auf das obere Verdeck und ließ sich an einem der Marmortischchen, die fest auf ihrem Platz angeschraubt waren und unbequem und kalt wie Eis dastanden, nieder. Die massigen Arme auf dem Marmor verschränkt, sah er mit dem schläfrigen, engen Blick der eingefallenen Augen über das leere Verdeck.
Die Sonne stieg hinter dem Horizont rasch empor, und die Berge glühten schon bis an die Mitte im Morgenglanz. Man sah, wie schnell der kalte, blaue Schatten von einem Abhang nach dem anderen wich, wie er sich in Schluchten klammerte und dort immer tiefer und tiefer hinabglitt.
Auf dem Dampfer regte sich allmählich das Leben. Ein Kellner in weißer Jacke mit widerwärtig großen silbernen Knöpfen rannte vorbei, der erste Offizier, ganz von der Kälte durchschüttelt, ging von der Nachtwache hinunter, zwei junge Mädchen mit kaum erwachten Äuglein kamen aus der ersten Klasse herauf und sahen sich mit einem Ausdruck um, als wären sie furchtbar verwundert, daß es überall schon hell und schön ist, während sie soeben erst aufgestanden sind. Dann kam ein langer Engländer, wie aus einer Karikatur herausgeschnitten, mit Panamahut und streckte sofort die Beine von einer Bank auf die andere, wobei er eine ungeheuer lange Zigarre in Brand setzte. Ein kleiner Knabe in einem Matrosenjäckchen kam aufs Verdeck gelaufen und rannte mit den nackten Waden glänzend in die helle Sonne hinein. Immer mehr lächelnde Menschen, die noch schläfrig die Augen zusammenkniffen, erschienen, und als plötzlich die niedrige Morgensonne vollständig über dem Horizont auftauchte und ihr Licht strahlend über Wellenkämme, Segelstangen, das Verdeck und die grünen Ufer goß, lebte der Dampfer schon sein buntes, müßiges und vergnügtes Leben.