Zwei Französinnen mit lustig neugierigen Augen, wie Vögel, die den Morgen begrüßen, zwitschernd, setzten sich an das Nebentischchen, blickten sich nach rechts und links um, bemerkten den düstern Nachbar, sahen sich gegenseitig an und lachten.
Mishujew wollte fortgehen — ihn berührten alle die Menschengesichter und Menschenstimmen, die doch nicht die Wahrheit aussprachen, und alle die falschen Augen, unangenehm. Aber seine Hände und Füße zitterten, der Rücken schmerzte, in den Augenlidern schnitt es; er wünschte sich überhaupt nicht mehr rühren zu brauchen. Mit kurzem Klopfen gegen die Tischplatte rief er den vorbeistürmenden Kellner an und öffnete bereits den Mund, um sich etwas zu bestellen — als er einen neugierigen Blick der beiden Französinnen auffing, die schon wußten, daß er ein bekannter russischer Millionär sei; er blieb stumm. Ihm schien, daß es ihm in diesem Augenblick genügt hätte, den Schall der eigenen Stimme zu hören, um von einem Anfall blinder, nervöser Wut gepackt zu werden, die ihn in der letzten Zeit oft ergriff. Und er fand, daß es in der Welt nichts Ekelhafteres, Dümmeres und Unnützeres gäbe, als die eigene Stimme.
Der Kellner stand schweigend da und fing an, sich zu wundern. Da nahm Mishujew, für sich selbst unerwartet, den Bleistift und schrieb auf den glitschigen Marmor der Tischdecke:
„Bringen Sie Kaffee.“
Der Kellner legte den Kopf auf die Seite, wie ein zum Aufpicken bereiter Hahn, las mit einem Auge die Aufschrift, wunderte sich, stürzte aber sofort davon.
Mishujew war froh: warum war ihm das nur nicht früher in den Kopf gekommen? Das ist ja ganz einfach ... Man kann völlig verstummen und das Wenige, was man von den Menschen braucht, erhalten, ohne die eigene oder ihre falsche Stimme zu hören. Sogar etwas Neckisches glitt durch Mishujews Kopf, als ob er das Mittel gefunden hätte, sich vor allen zu verstecken.
Als der Kaffee serviert war, wandte er sich dem Meer zu, legte den schweren, kranken Kopf auf die Handfläche und versank in Nachdenken. Zwischen den Fingern, die den Schädel einpreßten, steckte wildzerzaustes Haar, und die Augen sahen trüb und leblos vor sich hin. Viele Tage waren für ihn schon zu einem einzigen Nachsinnen geworden, das sich schwer und mühselig durch den qualvollen Kopfschmerz schob. Und wenn er es in kurzem, krankem Schlaf vergaß und die starren Gedanken verschwanden, kam das unerträgliche, alpdruckartige Empfinden der Leere, in der er krampfhaft hin- und herschlug, sich an etwas zu klammern suchte, aber hilflos immer tiefer und tiefer sank. Im Laufe dieser Zeit hatte er eine bedeutende Entfernung zurückgelegt, eine Menge Menschen, Städte, Berge und Meere gesehen, doch in seinem Gehirn drückte sich alles so blaß und trübe ab, als wären es nur Erinnerungen an längst Vergangenes. Und beharrlich wiederkehrend, mit unentrinnbarer Genauigkeit wie in einem Kreise, in dessen Mittelpunkt sich sein kranker Kopf befand, standen vor ihm, klar, aber mit der verwirrten Klarheit eines Alpdrucks, stets dieselben Gesichter.
Auch jetzt rief Mishujew sie sich auf dem bläulich-grünen Panorama der vorbeischwimmenden Ufer, die er kaum noch bemerkte, eindringlich unter scharfen Schmerzen hervor.
Zuerst tauchte das verwirrte, ratlose Gesicht Nikolajews auf: er stand mitten in seinem Kabinett — dem zerfetzten, brüllenden, kaum bei Bewußtsein befindlichen Mishujew gegenüber —, schaute nach der Seite und knetete mit zittrigen Fingern die Quasten an seinem Gürtel. Mishujew erstickte in blinder Wut und strengte sich an, zu begreifen: wie konnte dieser Mensch, der beste von allen, die er je gekannt und geliebt hatte, nicht die fürchterliche Ungerechtigkeit verstehen, der er zum Opfer gefallen war. Menschen-Bestien, denen er nichts als Gutes getan hatte, denen er sein Leben weihen wollte und um derenwillen er zu allem bereit war, hatten ihn mißhandelt, schlugen ihn, wollten ihn totschlagen! ... Man mußte in Entsetzen geraten, in tolle Wut, bis in die Tiefe der Seele empört sein, — und statt dessen hörte er eine unaufrichtige, verwirrte Stimme, die ihm einredete, sie hätten keine Schuld.
„Das sind Bestien ... sinnlose, gemeine, begehrliche Bestien!“ schrie Mishujew, „was habe ich ihnen getan? warum?“