„Wenn so, dann bist du ...“ begann Mishujew mit einer Empfindung, als stürze er in einen kalten Abgrund.

Und dann geschah das Ekelhafteste: Über Nikolajews Gesicht glitt ein feiger Zug, seine Augen liefen mit dem beschwerten Ausdruck eines versteckten Gedankens umher, und plötzlich fing er an, falsch tönende, blasse Worte der Versöhnung zu sprechen. Mit der Feinfühligkeit eines überreizten Menschen verstand Mishujew sofort den verborgenen Sinn: Nikolajew fürchtete einen Streit, damit Mishujew sich nicht weigere, Geld für die beabsichtigte Zeitschrift zu geben. Das Weitere spielte sich ganz eigentümlich ab: Mishujew wurde furchtbar verschämt. Er verstummte. Auch Nikolajew schwieg, sein freies, mutiges Gesicht bedeckte unsichere Röte. Eine Minute lang blickten sie einander in die Augen, und im Laufe dieser Minute schmolz und schwand ohne Spur das Band, das sie so viel Jahre verknüpft hatte und das so fest und aufrichtig gewesen war.

Als Mishujew eine halbe Stunde später fortging, waren sie nicht mehr zwei sich nahestehende Menschen, sondern zwei Feinde, die sich haßten und verachteten.

Später fand sich Mishujew im Eisenbahnwagen in einer toten, langen Nacht. Vorher war er wahrscheinlich in sinnlosen, dunklen Krämpfen überall herumgelaufen, bis er sich schließlich bei dem Menschen einfand, dem er sein ganzes Glück genommen hatte. Er wußte selbst nicht, weshalb er diesen Menschen aufsuchte, und erst als er seinen fragenden Blick sah, verstand er trübe: wahrscheinlich wollte er irgend jemanden, und wäre es auch ein Feind, finden, der ihm gerade ins Gesicht, ihm als Menschen ins Gesicht blicken würde.

Maria Sergejewnas Mann stand vor ihm, mager, mit langen, blassen Haaren, und sah ihm unverwandt mit einem Blick, der von unverlöschlichem Haß brannte, in die Augen.

„Was wünschen Sie?“ fragte er mit Mühe. „Ist Ihnen das, was geschah, nicht genug ... Sind Sie gekommen, um mich zu verhöhnen? Meinen Sie, daß Ihnen alles erlaubt ist?“

Mishujew erinnerte sich nicht mehr seiner eigenen Worte, sah aber deutlich, wie sich damals auf dem Gesicht dieses Mannes zuerst Nichtverstehen, dann trübes Begreifen, und schließlich kalter unversöhnlicher, fast triumphierender Hohn ausmalte.

„Aha ...“ sagte er leise, „es hat sich also gezeigt, daß es noch etwas gibt, das man auch um Geld nicht kaufen kann? ... Das ist gut!“

Und er fing an zu lachen, immer lauter und lauter, und jagte ihn schließlich wie einen Hund davon. Und Mishujew ging. Er hatte den lebendigen Faden der ihn zu diesem Menschen geführt hatte, längst verloren, und wußte gar nicht mehr, warum er gekommen war.

Nachts im Wagen schlief er nicht. Verschwommene, aber furchtbare Bilder quälten ihn. Vor seine Augen trat das Bild des großen Mannes, des Menschen, der Leben und Lebenswahrheit kennt. Er wußte nicht, wie und wann ihm der Gedanke gekommen war, zu dem großen Dichter zu fahren, zu dem Greis, dessen Namen er seit seiner Kindheit als das erhabenste Wort der Welt aussprach. Er erinnerte sich nur, daß ihn bei dieser Idee eine ungeheure Leichtigkeit und Hoffnungsfreude ergriff. So leicht und froh fühlte er sich noch, bis er die Antwort auf das abgesandte Telegramm erhielt. Sobald er aber verstand, daß der große Greis bereit sei, ihn zu empfangen, war alles geschwunden. Ihm schien es, daß er nur empfangen würde, weil er der Millionär Mishujew ist, und daß er selbst, der Mensch Mishujew, auch diesen einzigen Menschen nichts angehe und nichts angehen könne. Da war alles plötzlich matt geworden; Mishujew sah, daß es lächerlich war: er brauchte nirgends hinzufahren, niemand konnte ihm etwas sagen, was er selbst nicht wußte. Und ihm kam, zum ersten Mal in seinem Leben, der Gedanke, seinem Vermögen zu entsagen, arm zu werden, wie die meisten Menschen. Aber früher noch, als der Gedanke von ihm begriffen wurde, wußte er schon, daß es ihm unmöglich wäre.