„Mach aber nicht etwa Ernst damit! Von dir wäre es schon zu erwarten!“ sagte sie, plötzlich mit einer ganz anderen, mit banger und warnender Stimme. Doch ehe sie noch zu Ende gesprochen hatte, sah sie an seinen klar und fast zu weit geöffneten Augen, daß er es wirklich im Ernst meine. Eine Minute schwieg sie und starrte ihm erschrocken ins Gesicht, dann meinte sie, mehr um sich zu beruhigen: „Unsinn! Und was wird denn aus dir selber?“

„Irgendwie wird es sich machen ...“ sagte Lande traurig. Er fühlte, wie eine unübersteigbare, eisige Mauer unsichtbar zwischen ihnen aufstieg.

„Unsinn!“ wiederholte die Mutter hartnäckig, als ob sie sich gegen etwas Feindseliges und Böses wehren müsse. Und tatsächlich waren auch seine Absichten für sie unannehmbar, weil dadurch alles in Nichts aufgelöst wurde, womit sie ihr langes, emsiges Leben aufgebaut hatte.

Er antwortete nicht mehr. Er schwieg und fühlte, wie sich ein blutender Fetzen aus seinem Herzen riß.

Als er nachts im Bett lag, dachte er:

... Was tun? Die Mutter wird es nicht verstehen und nicht verstehen wollen. Es wird für sie ein furchtbarer Schlag sein; aber ich kann nicht anders ... Wir würden uns einander in den Weg stellen, und da ich sie liebe, müßte ich ihr nachgeben. Und das darf nicht sein! Also muß ich von ihr fort ...

Ein heißes Gefühl entstieg diesem Entschluß; doch in der dumpfen Finsternis verlöschte es sofort wieder; er empfand sich plötzlich einsam, von allem losgerissen. Zum ersten Mal in seinem Leben sollte er die Verbindung mit einem unendlich geliebten Menschen abbrechen; es schien ihm unsagbar schwer, er bangte sich davor. Da sah er plötzlich den todkranken Ssemjonow auf sich zukommen; eine unerklärliche Erregung durchwühlte ihn.

... Hier liege ich nun, dachte er, allein mit der Überzeugung, daß ich alles zerbreche, daß ich Kummer und Schmerz zufügen muß; und vielleicht ist dennoch ... trotz allem ... nichts weiter um mich, nichts vorhanden, nur Leere, unendliche Leere ... Da sind irgendwo Sterne, nichts als Sterne! Und ich bin nicht einmal ein Sandkorn, viel weniger, unendlich weniger, mein Leben ist in der Ewigkeit kaum ein Augenblick, fast als ob es gar nicht existierte ... Und ich lebe, glaube, gebe selbst von meinem Leben ab ... Was tue ich denn?

Die Haare bewegten sich auf seinem Kopfe, das eine Bein zitterte unaufhörlich. Für einen Augenblick glaubte er, in irgend einer kalten, toten und majestätisch-furchtbaren Leere zu hängen. Unten und oben, alles ist dunkel und leer. Dann erinnerte er sich an ein Kätzchen, das ein Kutscher Werschilows in seiner Gegenwart am Genick packte, hoch hob und dann gegen den Boden schleuderte. Das Kätzchen war auf der Stelle tot. Ihm kam es vor, als ob er selbst, am Genick gepackt, in der Leere hänge, dem Tode nah, und hilflos seine Glieder bewege. Und gleich wird er niedergeschleudert werden, ein donnernder Schlag trifft ihn, und alles wird still, unbeweglich, dunkel sein. Das Gefühl der Einsamkeit wurde für seine überreizten Nerven unerträglich; es trieb ihn, von jemandem zu hören, daß er nicht in dieser Welt, die riesig wie eine Ewigkeit ist, allein sei.

Krampfhaft warf Lande den Kopf zurück. Seine aufgerissenen Augen starrten gespannt in einen schwarzen Abgrund, der sich vor ihm auftat, sein ganzes Wesen zerfloß in überquellender Verzückung; unwillkürlich begann er, zu einem zu beten: