Lande lächelte traurig.
„Ich verstehe nicht, besser zu reden ... Verstehen Sie mich denn wirklich nicht? ... Ich glaube, doch! ... Ich wollte sagen, daß es das Böse und den Haß an sich gar nicht gibt, daß sie nur eine Folge der Arbeit an der Weltgestaltung sind und daß man sie bestätigen muß ...“
„Sieh mal!“ versetzte Tkatschow spöttisch. „Wie einfach!“
„Nein, nicht einfach ... schwer, furchtbar schwer ist es! Aber nicht unmöglich: kein Haß und Zorn ist so stark, daß man ihn nicht überwinden könnte!“
„Wozu erzählen Sie das alles?“ fiel ihm Tkatschow scharf ins Wort.
Lande beeilte sich, ihm zu antworten, als fürchtete er, daß Tkatschow fortgehen könnte. Er ergriff wieder seine Hand. „Ich sage es Ihnen, weil ich sehe ... es scheint mir, daß Sie aufgehört haben, an diese Möglichkeiten zu glauben, Sie meinen gewiß, daß das Böse ewig ist, daß das Böse überall triumphiert und daß man es nicht bekämpfen, sondern ihm nachgeben soll! Und das wäre schrecklich! ... Aber es ist nicht so. Sie haben einfach den Mut verloren, Sie sind verbittert worden, Sie verdichten jetzt selbst künstlich die Atmosphäre der Feindschaft um sich, als ob Sie in ihr erst richtig zu atmen gelernt haben ... Ach, Tkatschow, was für ein furchtbarer Irrtum ist das! Und Sie fühlen ihn doch: es wird Ihnen doch schwer, so zu atmen, bedrückend schwer. Ja?“
Tkatschow schwieg düster und atmete schwer durch die Nase.
„Man soll nicht Feindschaft mit Feindschaft vergelten!“ fuhr Lande, Glanz in den offenen Augen, fort, als ob er über seine Worte gar nicht nachzudenken brauche, als ob er überhaupt nicht spräche, sondern sänge, das Lied gleich aus dem Herzen quellen ließ. „Nur so wird sie überwunden. Und nie fühlte man solche Leichtigkeit, solche Befriedigung, als dann wenn Sie das Feindselige in sich überwinden, ohne auf fremde Feindschaft in gleicher Weise zu antworten. Weist Sie denn dieses Gefühl nicht dorthin, wo der Weg ist? Welche Freude ist es, das zu fühlen! Welche Marter könnte man nicht um dieser Freude willen ertragen! Und mögen auch die Menschen zu Ihnen schlecht, ja grausam sein; — die äußeren Verhältnisse können ja bei allen Menschen gar nicht gleich sein, und mit ihnen kann man sich, im Grunde genommen, leicht versöhnen, wenn nur ...“
„Haben Sie jemals gehungert?“ fiel ihm plötzlich Tkatschow bissig ins Wort. — „Wie, Herr Lande?“
„Ach, wozu, wozu reden Sie so!“ in Landes Stimme lag ein Flehen, das sich in die Seele bohrte. „Sie wissen doch, daß man Hunger und Qualen und selbst den Tod für seine Idee ertragen kann! ... Starben doch Märtyrer unter den entsetzlichsten Qualen! ...“