III
Soeben war der abendliche Dampfer eingetroffen, und mitteilsame Feuer brannten auf der anderen Seite der Bucht und spiegelten sich dort wie bunte Blumengirlanden im dunklen Wasser wieder. Von diesem Ufer aus konnte man keine Menschen erkennen, und die schwarze Masse des Schiffes erschien rätselhaft, wie ein dunkles Seeungeheuer, das neben der Mole aus der Tiefe aufgetaucht ist. Aber man hörte schon aus der Ferne das schnelle Gerassel der anfahrenden Equipagen; man fühlte, daß in die lustige Stadt gleich eine ganze Flut neuer Menschen, die das Ende der langwierigen Reise angeregt hat, einströmen würde.
An diesem Tage machte Maria Sergejewna mit Parchomenko und seinen Damen einen Ausflug in den benachbarten Kurort, und Mishujew ging allein spazieren. Er schlenderte langsam über den Strand, vom Kurhaus und dem Kurgarten, wo sich das Nachtpublikum drängte, möglichst entfernt. Er fühlte sich so gut, wie seit langem nicht mehr. Der mondlose, zarte Abend, mit seinem durchsichtigen, goldenen Sternenschmuck, die ruhigen, rhythmischen Töne des leichten Wellenschlages, ergriffen stille, zärtliche Saiten seiner Seele. Die argwöhnische Behutsamkeit, die ihn die ganze Zeit über nicht verlassen hatte, verblaßte jetzt, und lautlos singende Trauer senkte sich in sein Herz. Er wünschte allein zu sein, sich etwas Nahes und Liebes ins Gedächtnis zurückzurufen.
Nachdenklich schritt er über die Strandpromenade, dort, wo sie leer und still war, und leise, herzliche Gedanken zeichneten vor ihm tastend bekannte, halb vergessene Gesichter wieder auf. Mishujew sah sie fast körperlich mit offenen Augen, wie sie unfaßbar durch die blaue abendliche Dämmerung zwischen den großen, blassen Sternen dahinglitten.
Allmählich kehrten seine Gedanken, wie auf einer Kreisbahn, zu der Zeit zurück, als er nach seiner Rückkehr aus dem Auslande, ernüchtert von sinnlosem Herumbummeln, seinem alten Freunde und dessen Frau, Maria Sergejewna, begegnet war. Er war damals ermüdet, überreizt, bis zum Haß gegen alle Menschen erbittert. Sie hatten ihn wieder mit einer ihm ungewohnten Einfachheit ihres Verkehrs erwärmt, ihn in den engen Kreis ihres hellen, gemütlichen Lebens gezogen; es gab viele Tage und Abende, die voll der Zutraulichkeit, der Freude und dem eigenartigen Zauber, den die Nähe einer schönen, guten Frau hervorruft, waren. Dann entstand verborgene Liebe — eine seltsame, anziehende Verbindung der keuschesten Achtung und der schamlosesten, begehrlichen Phantasien. Und schließlich kam der Augenblick, als in ihr die erst nur schüchterne Antwortsaite erzitterte; dann mit einem Mal war alles, was ganz unmöglich schien, woran er nicht einmal zu denken wagte, nahe geworden und umbrauste ihn mit dem heißen Feuer weiblicher Leidenschaft. Neue Verwicklungen traten ein; schmerzlich, abscheulich wie Alpdrucke. Lange hatte der schwere, von vornherein aussichtslose Kampf ihres Gewissens gegen den vorwärtsstürmenden Drang ihrer Körper gedauert. Da gab es grelle Durchblicke tollen Glückes, wie an jenem Abend, als das strenge, schwarze Kleid plötzlich zu Boden sank und das herrliche, nackte Weib unterwürfig und schamlos wurde; aber das Glück ging in einem breiten Sumpf niedrigster Heuchelei, Schande, unwillkürlichen Betrugs und Lüge unter, die dem Menschen gegenüber, den sie beide liebten und achteten, zur Infamie wurde, der Schmutz schwoll immer höher und höher an, stieg bis an die Kehle, und als sie endlich kaum noch atmen konnten, kam es zu einem kurzen, jähen Bruch.
Mishujew erinnerte sich, wie hell und leicht es um sie war, als alles wohl oder übel beendet schien und sich ihnen ein neues Leben eröffnete. Aber das Vergangene hatte seinen feinen Stachel zurückgelassen und drehte ihn noch bis heute in der vernarbten Wunde um. Als die erste Leidenschaft verflogen war, schien es Mishujew, daß ein furchtbarer, nie gutzumachender Fehler geschehen sei. Die Leiden und Schwankungen, die Maria Sergejewna erlebte, begannen ihm mit verborgener, giftiger Sprache zuzuflüstern, daß er eine ganz erbärmliche Rolle spiele. Diese Frau liebte ihren Mann und nur diesen, und er, Mishujew, der allein durch sein Geld bemerkenswert war, hatte für sie nur zufällige Bedeutung. Früher hatte sie so einfach und arm gelebt; jetzt wünschte sie ganz unschuldig und naiv Glanz und Freude. — Und weiter nichts ...
Wozu war es dann gut, drei Menschenleben zu vernichten? fragte er sich mit Entsetzen.
Irgendwo durchlebt ein erniedrigter, verlassener Mensch einsam das Mysterium seiner Schmach, die sich weder gut machen noch vergessen läßt; eine junge Frau wurde von allem losgerissen, wie ein beiseite geworfenes Spielzeug ...
Und in mein Leben trat nur ein käufliches Weib mehr ein, dachte Mishujew mit peinigender Roheit, er fühlte selbst, wie sein Gesicht sich verzerrte und zitterte.