Ich habe kein Recht, so von ihr zu denken! vielleicht liebt sie mich wahr und aufrichtig! wandte er sich mit der Bemühung, die aufgetauchten qualvollen Gedanken zu verdrängen, gegen sich selbst. Für einen Augenblick wurde alles in seiner Seele durcheinandergerüttelt, aber bald fühlte er wieder, daß der Gedanke nicht ertötet war, sondern sich nur tief in sein Inneres verkrochen hatte, wo er unfaßbar, wie eine kleine Schlange, die sich unter Steinen birgt, immer tiefer und tiefer fraß.

Mishujew warf den Kopf zurück, unterdrückte mit furchtbarer, fast körperlicher Anstrengung die Erinnerungen; er ging lange die Promenade hin und zurück, ohne festes Überlegen, nur mit formlosen Gedankenfetzen, die er müde durch seine Seele streute. Der Abend wurde inzwischen immer dunkler, immer tiefer und ruhiger glänzte der blaue Himmel, heller prangten die Sterne über den Bergen, und die verstummende See seufzte leicht und leise auf, als schliefe sie ein.

Wenn ich nur einen Menschen hätte, an den ich mich halten könnte! dachte Mishujew plötzlich und erinnerte sich im selben Augenblick an einen Menschen, der ihm in jener Zeit, als er frei mit dem Geld um sich warf und von großangelegter schöpferischer Arbeit träumte, nahegestanden hatte.

Ihn sehen, sprechen, dachte Mishujew mit naiver Sehnsucht; dabei lächelte er unwillkürlich über die schwungvolle Gestalt des berühmten Dichters Nikolajew, die mit einem Mal in der Dämmerung des südlichen Abends unerwartet vor ihm auftauchte.

„Tut nichts, Bruder, wir werden uns schon durchsetzen! Wir sind eine zähe Bande!“ ertönte eine Stimme voll Kraft und Wagemut in der komischen Aussprache der Wolgagegend neben ihm.

Mishujews Herz erzitterte.

Eine junge Dame in einem Reitkleid, das fest den prallen weiblichen Körper umschloß, und ein kräftiger Tatar mit schiefen, wie auf Saiten gespannten Beinen, trabten mit dröhnendem Hufschlag an ihm vorbei. Die Dame lachte abgerissen und beugte sich auf den Sattel nieder, der Tatar bewahrte seine majestätische Selbstgefälligkeit; doch kaum waren sie vorüber, als sie auch schon in der Abenddunkelheit zerflossen.

Ganz mechanisch fühlte Mishujew seine Gedanken zu dieser Frau hingezogen: vielen solchen Frauen stand er nahe. Ihre unergründlichen Augen, ihre ausgemeißelten Arme, erhabenen Brüste, schlanke Taillen und harte Schenkel liefen in fast lückenloser Reihe durch den zerfließenden Nebel seiner Vergangenheit. Sie fielen ihm leicht zur Beute, nur kosteten sie ihn mehr oder weniger. Mit geschlossenen Augen stürzten sie sich unter den Goldregen, blühten unter ihm auf und wurden glatt und gleißend wie gut gefütterte Panther.

Schon seit langer Zeit hatten sie aufgehört, Mishujews Leben zu erheitern; schon seit langem blieb er auch, wenn er auf ihren elastischen Brüsten, ihrem samtenen Körper, zwischen den in leidenschaftlicher Qual erzitternden, weißen Beinen lag, doch nur der, der er immer war, — ein einsamer, suchender, trauertragender Mensch.

Mishujew ging weiter, und wieder begannen sich aus einem riesigen, verwickelten Knäuel einsame Gedanken zu entwirren.