Die schlanke Ssonja atmete gespannt auf; hielt aber gleich wieder den Atem ein, ohne ein Auge von Lande zu lassen.

„Nein, ich glaube es nicht!“ Lande schüttelte den Kopf. „Wenn es auch böse Menschen gibt, so sind es doch nicht schädliche Menschen. Hätte es nicht ihr Böses gegeben, so könnten auch nicht die besten Eigenschaften des menschlichen Geistes: Selbstvergessen, Vergebung, Selbstaufopferung, reine Liebe sich zeigen und entwickeln ... aber sie müssen in Erscheinung treten, ohne sie wäre das Leben nur sinnloses Vegetieren.“

„Ich danke dafür!“ erwiderte Schischmarjow aufgeregt. „Demnach wäre auch der Gestank nützlich, weil er die frische Luft zu schätzen lehrt?“

„Vielleicht,“ Lande lächelte. „Nur ist es etwas ganz anderes ... und zu einfach: ein Mensch ist Vieles zusammengenommen. Er ist doch zu schön und kraftvoll, als daß man an ihn das gleiche Maß anlegen könnte, mit dem man Mist mißt!“

„O Gott! Und der Mensch macht noch Kalauer!“ lachte Ssemjonow mit komischem Entsetzen.

„Ich? ... das war kein Witz, — das kam mir so in den Mund.“ Lande wurde verlegen.

„Der liebe Wanja! ...“ flüsterte Ssonja leise Marja Nikolajewna zu; sie blühte in einem hellen Lächeln auf, das ihrem stets exaltierten Gesicht gar nicht eigen war.

Marja Nikolajewna seufzte leicht. Das Lächerliche und Jämmerliche, das sie in der letzten Zeit an Lande gesehen und das ihr unbewußt leid getan hatte, — war an diesem Abend allmählich weiter und weiter von ihrem Herzen fortgezogen, bis es plötzlich irgend wohin ganz verschwunden war. Und ein stilles, frohes Gefühl trat an seine Stelle. Sie wendete Lande ihren Kopf zu, blickte auf sein mageres Gesicht, das unter dem Mondlicht und dem angespannten Denken blaß geworden war, und sagte sich:

„... Es ist alles richtig, was er sagt! Eine Wahrheit, die vor ihm allein offen liegt! ... Man kann es nicht mit Worten ausdrücken, aber wahr ist es ... Der liebe, der gute! ...“

Sie errötete, wandte sich ab und drückte Ssonja fest an sich.