„Mir tut es immer leid ... ich weiß nicht, vielleicht ist es ein häßliches Gefühl ... wenn sich ein junges, glückliches Mädchen einem gierigen, brutalen Mann hingebt ... Ich bin froh über ihr Glück; aber gleichzeitig tut sie mir leid. Als ob jemand ein klares Flämmchen, das für alle geleuchtet hatte, in seinen Besitz nimmt, fortschleppt, auslöscht ... Ich glaube, übrigens, daß ich nicht aus schlechtem Gefühl so empfinde ... es tut mir nur leid, weil viel zu wenig Menschen solche Flämmchen besitzen! ...“

„Aber es kann doch gar nicht anders sein!“ erwiderte Marja Nikolajewna leise und senkte den Kopf. Ihr erschien, daß er von ihr sprach.

„Ja, ja,“ gab Lande eilig zu, „gewiß nicht! ... Mir tut es nur leid, daß die Jugend und Schönheit nicht Allgemeingut sein kann. Übrigens, die Menschen glauben, daß das schlecht wäre ... Ich weiß nicht ... vielleicht ...“

Es war still und hell. Die reine, durchsichtige Luft versilberte jeden Laut und kleidete jeden Atemzug in Freude. Marja Nikolajewna wandte Lande ihre Augen zu, und eine seltsame Empfindung durchzuckte sie: für einen Augenblick überkam sie leidenschaftlich, wie nie zuvor, das Verlangen nach Leben; ihr schien, daß sie dazu imstande wäre und es tun wird: alle zu lieben, allen Lust, Genuß, Licht und Freude, ihre Jugend und Schönheit, ihren herrlichen, kraftvollen Körper hinzugeben. Das durchlief sie und verschwand; es blieb nur, wie eine tiefe Furche, nachdenkliche Zärtlichkeit und stille Zuneigung für diesen stillen, schwachen Menschen mit den herrlichen Augen zurück, der neben ihr stand. Lande sah sie klar und heiter an; da wünschte sie, undeutlich, zum ersten Mal, mit ihm eins zu werden. Ein leichter, schamhafter Gedanke huschte voran und beleuchtete klar die zukünftige Vereinigung ihres reichen Körpers mit jenem sonderbaren, träumerisch-zarten Wesen, das er in seiner Seele trug. Eine Vorahnung des unendlichen Glückes überflutete sie wie eine unaufhaltsame Woge von Rührung und Wonne.

Marja Nikolajewnas Schultern zogen sich geschmeidig zusammen. An ihren Knien machte Ssonja plötzlich eine kaum merkliche spröde Bewegung, als ob etwas leise gekracht hätte.

„Mir war noch nie im Leben so eigentümlich und wohlig zumute,“ sprach Marja Nikolajewna unwillkürlich laut.

„Sie müssen sich doch immer gut fühlen!“ sagte Lande mit feuchten Augen. „Es ist doch solch ein Glück, so viel Schönheit in sich zu fühlen, zu wissen, welche Freude man allen damit bereitet.“

„Nicht immer!“ erwiderte Marja Nikolajewna kaum vernehmlich, während sie den Kopf zurückwarf und den Nacken gegen das kalte, harte Fensterkreuz stemmte.

„Vielleicht dann nicht,“ sagte Lande, „wenn die Menschen zu ihrem eigenen Schaden weiblicher Jugend und Schönheit roh, unachtsam gegenübertreten ... Wenn sie sie erst begriffen hätten, dann würden sie ihre besten Kräfte, alle Möglichkeiten ihrer Seele aufbieten, damit das Leben veredelt wird. Wie leicht wäre es dann, zu arbeiten und zu warten!“

„Lande!“ schrie vom Hof her Schischmarjow. „Wo bist du?“