„Ich bin eigentlich zu Ihnen gekommen, um Ihnen zu sagen,“ sprach Lande kurz und ebenmäßig, „daß es mir sehr leid tut, Sie dazu gebracht zu haben. Ich weiß, daß Sie meinetwegen auf Marja Nikolajewna eifersüchtig waren ... Und ich wollte mich Ihnen gar nicht in den Weg stellen. Ich liebe allerdings dieses Mädchen des ungeheuer reichen Lebens wegen, das sie besitzt; aber ich habe sie stets ganz anders geliebt, als ... Jetzt haßt sie mich deswegen — weil sie sich getäuscht hat. Gehen Sie zu ihr — ich glaube, sie wird Sie lieb gewinnen ... Und mir verzeihen Sie, seien Sie nicht böse auf mich. Ich liebe Sie — Sie sind ein starker und schöner Mensch ... Jetzt gehe ich, — ich weiß, Ihnen kann es doch nicht angenehm sein, mit mir zu sprechen. Leben Sie wohl!“

Lande stand auf und reichte seine Hand. Molotschajew biß seine Lippe mit der gleichen Bewegung, wie es Marja Nikolajewna getan hatte und gab ihm die Hand. Lande ging fort. Der Maler empfand wieder die neidische Gehässigkeit. Er lief im Zimmer auf und ab und bemühte sich, absichtlich, dieses Gefühl zu schüren. Es gelang ihm scheinbar, und er lachte über Lande; aber gleichzeitig tat ihm irgend etwas leid. Er konnte nicht verstehen, was; aber die Empfindung war tief und beißend, und nach und nach schien es ihm, daß sie ihn nie mehr verlassen wird.

XXI

Landes Leben wurde immer einsamer; die Ahnung von etwas Unvermeidlichem stieg allmählich auf. Immer häufiger verzagte seine liebeglühende Seele; sie war wie ein lebender, grüner Zweig, den eine undurchdringliche und durchsichtige Eiskruste umschlossen hält. In den letzten Tagen war er stets allein gewesen. Nur Ssonja lief ihm unablässig nach, aber gerade sie, die einzige in der ganzen Welt, die ihm nahe stand, begann ihm Furcht einzuflößen. Ihm kam es immer wieder vor, daß sie, wie eine Geisteskranke, nicht ihn, sondern irgend einen andern in ihm sah, und daß sie, wenn nicht sofort, so in kurzer Zeit, ihre Täuschung gewahr werden wird. Dann muß sie ihn mit ihrer ganzen Seele hassen, und für diesen Haß kann es keine Grenzen und Schranken mehr geben.

Während einer langen, traurigen Nacht schrieb Lande einen langen, heißen Brief an Ssemjonow, in dem er an ihn viele qualvolle Fragen über Wahrheit, über Menschen, über Glück richtete. Auf diesen Brief antwortete der kranke Student folgendes:

„Lasse mich gefälligst in Ruhe! Ich sterbe und habe an wichtigeres, als an dich zu denken! Ich stehe jetzt der wichtigsten, der letzten und einzigen Frage des menschlichen Lebens gegenüber — wie ich sterben soll? Kann man denn von Menschen, von Liebe, von Einsamkeit reden, wenn der Mensch stets unter allen Umständen allein stirbt! Du kannst natürlich dieses Wort nicht in seiner wahren Bedeutung ermessen: seine Bedeutung ist — Grauen. Dieses Grauen muß ich allein ertragen, niemand kann mich — verstehst du es? — kann mich begleiten, selbst wenn er es am allersehnlichsten in der Welt wünschen würde. Jetzt ist für mich alles in zwei Teile zerfallen, die keinen inneren Zusammenhang mehr haben: der eine, geringfügige, ist das ganze Leben der Welt, der andere, unermeßlich große — das ist mein Tod. Jetzt, wo ich mich von allem getrennt habe und allein in der Leere stehe, seh ich ein, daß es auch in Wirklichkeit stets so war. Ich habe mir nur eingebildet, daß ich nicht allein lebe. Mein ganzes Leben lang mühte ich mich mit einem Eifer ab, der eines besseren Zweckes wert gewesen wäre, eine Art Gipsverband aus Glauben, Ideen, Liebe und Mitleid nun noch zu kleistern, ich meinte, daß er fest, unverwüstlich sei; doch von dem Augenblick an, wo ich mit der ganzen Schwere meines Ich über die Leere des Todes zu hängen kam, fiel alles sofort wie trockener Ton von mir ab, und ich stürzte allein wie ein Stein in die Tiefe. Über Nacht kann ich sterben, und die Menschen leben dann weiter, als wenn nichts geschehen wäre. Also wozu schwatzt du mir da solchen Unsinn vor? Du hast angefangen, dich einsam und unglücklich zu fühlen, weil die Menschen deine heißen Gefühle nicht würdigten, nicht in deine brüderlichen Umarmungen geeilt sind. Sehr erstaunlich! Ja, hast du denn nicht gewußt, daß die Menschen, sobald du nur aufs Sterben kommst, nicht einmal dein Gefühl werden begreifen können? Aus den innigsten Umarmungen werden sie dich dann loslassen müssen. Du bist allerdings ein gläubiger Mensch, — ich hätte beinahe daran vergessen; aber du mußt doch, wenigstens einmal in deinem Leben, begreifen, daß wir, falls wir uns dort, im neuen Leben, von dem wir nichts wissen und nichts wissen können, wirklich alle begegnen sollten, denn immer noch in angemessener Weise darüber diskutieren können. Dann stützen wir uns auf Tatsachen, auf das, was wir dort kennen lernen werden. Ich weiß, daß man wärmer lebt, wenn man von anderen Menschen gewärmt wird, — das ist sicher, darüber ist weiter kein Wort zu verlieren! Also schön, — laufe doch durch die Straßen und rufe: ‚O Menschen, Menschen, Menschen!‘ Man wird dir sicher nachlaufen und ebenfalls rufen: ‚O Lande, Lande, Lande!‘ ... Weiter aber nichts! Leiden wirst du doch allein, denn kriegst du dabei Bauchschmerzen, so wird sich deswegen auch dein allerbester Freund, dein Bruder, dein Weib, nicht aus Mitgefühl den Magen verderben.

Ich bitte dich noch einmal: laß mich in Ruhe! Einmal wirst du selbst verstehen, wie dumm alles ist. Du wirst die Menschen ebenso für die dumme Rolle, die du zu spielen versucht hast, hassen, wie ich sie jetzt hasse. Wenn du nur wüßtest, was für einen entsetzlichen, stickigen Haß alle in mir wachrufen ... Verflucht mögt ihr alle sein! Wenn es in meinen Kräften wäre, zerdrückte ich die ganze Erde. Wozu habe ich gelebt, Lande? Gott, wie grausig, öde, kalt! Um Gotteswillen, faßt mich nur nicht noch an!“