Kaltes Grauen atmete aus diesem Brief. Das Bild Ssemjonows, der in Einsamkeit stirbt, stand vor ihm wie eine ununterbrochen blutende Wunde auf.
Der arme Wassja, woher dieses Grauen, dieser Haß? Ein solcher Tod; ein Grauen, für das es keinen Namen gibt! Es ist nicht möglich, daß es so ohne weiters, aus sich selbst heraus dazu kommen konnte. Nur weil er einsam ist, fühlt er es, einsam in Schmerz und Furcht. Ich muß zu ihm.
Und alle Gedanken und Gefühle Landes flossen in dem Einen zusammen: zu ihm. Er wußte nicht, was er ihm sagen, wie er die gesunkene Seele wieder aufrichten würde; aber in ihm lebte der lichte, feierliche Glaube, daß die Liebe alles vermag: die Liebe wird durch alles Leiden gehen, wird die Seele erwärmen und neu beleben; wie ein Blumenkelch beim Sonnenaufgang wird sich diese Seele entfalten, erfrischen, wird einen liebevollen, weihevollen Glauben annehmen.
Das Blut schoß ihm so stark ins Gesicht und Herz, daß ihm vor den Augen trübe wurde. Ein leidenschaftliches Gefühl riß ihn in einen Fieberzustand hinein. Er trat mechanisch auf die Steinstufen hinaus, stand lange ohne Mütze da, mit dem Blick in den weiten Himmel, von dem ein unsichtbarer, feiner Sprühregen niederrieselte, versunken. Ein kalter, elastischer Windstoß peitschte ihm eine breite Welle Nässe ins Gesicht, fuhr durch seine Haare, schnitt ihm fast den Atem ab.
... Ich muß mir Geld verschaffen! zuckte es durch seinen Kopf ... Aber ich habe niemanden! dachte er gleich weiter ... Die Mutter zu bitten ist zwecklos — sie gibt ja doch nichts. Alles, was ich will, ruft in ihr nur Erbitterung hervor, und den Wunsch, das Gegenteil zu tun. Aber weiter habe ich keinen ... Schischmarjow hat selbst nichts.
Lande kehrte mit irrenden Blicken ins Zimmer zurück. Plötzlich sagte er sich, unverwandt die Lampe anstarrend:
... Ich gehe zum Vater Paul.
Wie er zu diesem Entschluß gekommen war, hätte er nicht erklären können. In seine Erinnerung kehrte einfach das Bild eines alten emeritierten Pfarrers zurück; die rosige Glatze, das gutmütige Greisengesicht, die weiße Priestersutane und jener fast zärtliche, mitfühlende Blick der Äuglein, mit dem er ihn bei Begegnungen begrüßte.
Gleich am nächsten Tag, noch immer mit verbundenem Kopf, schritt Lande, der aussah, als wäre er nach schwerer Krankheit genesen, quer über den großen, mit staubigem Gras bewachsenen Platz, öffnete die Pforte und trat in einen kleinen, gemütlichen, beinahe warmen Hof ein. Der Tag war grau, trocken, unbeweglich; aber die großen goldüberströmten Bäume sahen wie sonnenübergossen aus, und im Hof war es still und licht. Unbeweglich standen unter den Fenstern in einem winzigen Vorgärtchen naiv-bunte Blumen. Es roch nach Äpfeln, herbstlichen Blättern, Weihrauch und dem eigentümlichen Geruch der Stille und Ruhe.
Der alte Pope saß auf der sauber gehobelten Bretterveranda in einer reinen, weißen Sutane, ganz rosig und weiß.