„So ist’s ...“ begann er nach einer Pause mit einer ganz anderen Stimme. „Gott sieht am besten, wo alles hinsteuert! ... Darum leben wir auch, sonst ... Es gibt keine Gerechtigkeit in der Welt, und vielleicht kommt alles gerade darauf an: Gott will Gerechtigkeit mehr als Sattsein; deshalb stehen auch die Menschen Qualen aus, weil durch sie die Gerechtigkeit auf die Erde kommt! ... So ist’s, was, lieber Mann?“
„So, so!“ nickte Lande erfreut mit dem Kopf. „Alles, was es in der Welt gibt — alle Wissenschaften, und alle großen Taten und alle Gedanken, — alles wird durch Leiden weitergeführt ... Wenn es keine Leiden gäbe, wäre auch die Seele zum Stillstand und zum Sterben gekommen!“
Der Kahn stieß ans Ufer. Lande kroch unschlüssig und langsam heraus. Der Bauer blieb unten. Eine Minute sahen sie sich beide schweigend an. Etwas Starkes und Kräftiges verband sie miteinander; sie waren sich in dieser Minute beide fern und nahe, wie die beiden Enden eines ausgespannten Taues; beide hatten das brennende Verlangen, etwas zu sagen, etwas Bedeutsames, Einigendes; doch konnte er es nicht ausdrücken, weil es keine Worte gab, die gleich stark und gleich verständlich für sie beide, für den Bauern wie für ihn, gewesen wären.
„Lebe wohl, Großvater!“ sagte Lande traurig.
Der Bauer murmelte düster etwas Unverständliches vor sich hin, stieß vom Ufer ab und glitt wieder über den Fluß, knorrig und naß wie ein schwimmender Baumstumpf. Lande schaute ihm lange nach, bis er hinter einer Biegung verschwunden war, und sich die langen, silberhellen Streifen auf dem breiten Wasserspiegel wieder geglättet hatten. Gegen Abend verlor Lande den Weg; er fand aber eine alte verlassene Hütte und blieb in ihr über Nacht.
Die Nacht war kalt, schneidend, und Lande schlief schlecht vor Kälte und Müdigkeit.
Der Nebel, der die ganze Nacht zwischen den hohen, regungslosen Bäumen wie eine dichte, weiße Hülle hing, geriet gegen Morgen in Bewegung und wurde grau. Etwas Unfaßbares erzitterte in der Luft, und alles erwachte gleichzeitig leicht und rasch wie auf Verabredung. Ein Vogel zwitscherte leise, als ob er etwas zu fragen hätte. Ein Rabe erhob sich schwer von einem feuchten Ast und flog, während seine taudurchnäßten Flügel linkisch dürre Zweige streiften, geradeaus in den Nebel hinein. Das Gras erschauerte, die Blätter regten sich, und plötzlich fing alles an, strahlend hell zu werden. Der Nebel kam mit einem Ruck ins Schwanken und zog sich in leichte, wankende Säulen zusammen, die eilig, lautlos zwischen den Baumstämmen auf- und niederschwankten.
Lande kroch aus der Hütte; seine dünne, schwarze Gestalt richtete sich über einem hellgrünen Grashaufen in der weißen Dämmerung wie eine schwarze Zickzacklinie auf. Die Nacht hindurch war er stark durchgefroren; sein Gesicht war blaß, grau, zerknittert. Er sah sich um, und im ersten Augenblick kam ihm in dem wogenden Nebel alles sonderbar verändert vor.
Aber der Morgen wurde immer heller. Der Nebel löste sich spurlos, sklavisch auf. Nah und fern erhob sich mit unsichtbarem, mächtigen Brausen das Leben des Waldes. Die Wipfel der Bäume loderten in grellem, rosigen Brand auf und zwischen ihnen in tiefem Blau der Himmel. Lande wurde von der lebendigen Wärme und dem Licht, das sich in mächtigen Strömen über alles ergoß, vollständig durchdrungen.
Er mochte nicht von hier fortgehen. Er ließ sich neben der Hütte auf die Erde nieder und saß still, mit gespannten, freudigen Augen alles um sich her beobachtend, ohne sich zu rühren.