Tote Trübsal weinte leise in seinem Herzen; es war für ihn ganz gleich, wohin er in der Leere und dem Schweigen der Nacht gehen sollte. Warme Erinnerung lebte noch in ihm, und in den Ohren gellte, wie aus weiter Ferne, klingendes Lachen. Blonde Haare, feuchte Augen, das weiche, reine Kinn eines in den Nacken geworfenen Köpfchens huschten durch sein Gedächtnis. Aber die Gedanken flogen schnell, wie Wolken am Mond in grauer Winternacht, vorüber. Weder Ziel noch Anfang oder Ende hatten sie, und trübselig war ihre dunstige rasende Geschwindigkeit.
Langsam und schwer, wie ein Mensch, der ernstlich krank ist, ging Mishujew bis ans Ende der Promenade, blieb stehen, ging zurück, und er wäre nicht imstande gewesen, mit Worten auszudrücken, worüber er in dieser Zeit dachte. Es gab keine bestimmten Worte, es gab keine Personen, denen gegenüber er seinen Wunsch, sich aufzulehnen, äußern konnte. Aber seine kranke Seele, die das Bewußtsein eines unüberwindlichen Unrechtes, das sie bisher noch nicht begriffen hatte, niederdrückte, verlangte nach etwas.
Eine stürmische Bewegung, grell und lebendig, wie menschliche Liebe und menschliche Freude, schlug vor seinem Blick empor. Aber rings umher blieb alles leer; ihm schien es, daß nicht nur auf dem breiten Kai, sondern in seinem eigenen Leben nur seine schweren Schritte widerhallten, als zählten sie, ohne Zweck und Grund Stufen eines toten Weges, der für niemanden von Nutzen ist.
„— — Es ist Zeit, zu sterben!“ dachte Mishujew plötzlich mit verzerrtem Lächeln.
In einem Augenblick wurde es ihm leicht und frei ums Herz, als hätte dieses Wort die Hülle alles Schweren und Düsteren abgestreift; und nun stellte es sich heraus, daß nichts dahinter war — — — als vollkommene Leere. Das Gefühl der Leichtigkeit und Raumlosigkeit erfüllte für einen Augenblick seinen Körper und machte ihn ebenso leer und frei, band ihn von Mishujew, dem schwergewordenen, düsteren, abgelebten Menschen los. Aber dieses Gefühl kam nur für einen Augenblick und erlosch, wie ein Funke in Finsternis und Wind.
Wenn allein der Tod übrig bleibt, so ist Alles wahr: dann ist es richtig, daß sein Leben in der Tat widerwärtig und sinnlos ist; er braucht nicht weiterzuleben.
Plötzlich wurde es ihm so schwer zumute, daß er wünschte, weinen und sich auf die Erde werfen zu können, mit dem Gesicht nach unten, und so liegen zu bleiben.
Aber was ist denn geschehen? Bin ich krank? fragte er sich voller Verzweiflung. Er erstickte fast unter einem furchtbaren Druck und begriff nicht warum. — Ich besitze alles, was einem Menschen nötig ist; sogar viel mehr. Tausende Menschen träumen davon, ein Hundertstel von dem zu haben, was ich besitze ... träumen davon, wie von einem unerreichbaren Glück! Von all meinem Leid wird jeder Mensch nur sagen, daß ich an meinem eigenen Fett ersticke. Was fehlt mir denn. Ich habe alles ...
Und in grellen Streifen zogen im Augenblick Reihen herrlicher Frauen, Theater, Meere, Städte, Bilder, Automobile, Pferde ... eine ganze Welt, voll Farben, Licht und Bewegung, das Luxuriöseste, Schönste, Angenehmste, was die Welt hervorbringen kann, ... an Mishujews Augen vorüber. Aber sein eigenes Gesicht blieb krank und schwermütig zurück. Alles entfernte sich, verblaßte, wurde plötzlich eintönig und ärmlich, wie verblichenes Flitterzeug.
Nicht das, nicht das ist es ... doch was denn? — Er richtete seine Frage irgend wohin ins Innere seiner schweigenden Seele. Plötzlich durchschüttelte eine Flut gegenstandsloser, unnützer Bitternis seinen ganzen mächtigen Körper; er fiel durch eine Spanne übermenschlicher Leidempfindung, die einen unendlichen Augenblick dauerte, in ein leeres kaltes Loch hinein, wo nichts mehr war als die äußerste Abspannung.