Mishujew lächelte mißmutig, und dieses schiefe Lächeln fiel ihm selbst unangenehm auf: es konnte den Eindruck erwecken, als gebe er zu, daß ihn alle kennen oder als leugne er es oder auch als heuchle er eine Verneinung. Er fühlte, daß ihm Einfachheit fehlte und daß es allen aufgefallen war. Es verstimmte ihn wieder.
Der Kellner brachte eilig einen Stuhl und Mishujew ließ sich nieder, kreuzte sofort seine massigen Arme auf dem Tischtuch und starrte mit schwerem Seitenblick auf das Nachbartischchen, wo drei beleibte, aufgeputzte Damen und zwei glänzende, fesche Offiziere saßen. Für eine Minute entstand peinliches Schweigen. Opalow blickte Mishujew freundlich, aber so neugierig in die Augen, als wenn sich plötzlich ein Eisbär neben ihn gesetzt hätte. Der zottige Podgurski, der wie ein Bündel schmutziger Wäsche, in enge Höschen und ein Jackettchen aus Segeltuch gepreßt, aussah, schaute ebenfalls neugierig auf ihn; in seinen winzigen, scharfen Äuglein leuchtete ein freches, gieriges Feuerchen. Tschetyrjow und Marussin tranken schweigsam ihr Bier und schienen Mishujew nicht zu bemerken. Mishujew sah mit einem flüchtigen Blick, daß Marussins weiche, schwache Hände die ganze Zeit hindurch krankhaft zitterten, und er erinnerte sich, gehört zu haben, daß Marussin an der Schwindsucht litt. Auch seine Augen fielen ihm auf: etwas leicht Vergängliches und Durchsichtiges, wie ein Streifen zarten Frühlingshimmels, sahen ihm daraus entgegen. Mishujew empfand, daß er wahrscheinlich ein sehr unglücklicher, guter und reiner Mensch sein müsse. Warmes Mitleid regte sich in ihm.
Bis an die Decke dröhnte das Restaurant von Rufen, Gläserklirren und Gelächter. Manchmal fiel irgendwo mit trockenem Gepolter ein Stuhl um, laut klingelte ein ungeduldiges Löffelchen an eine Glaskante und hoch flatterten die feinen Töne der weiblichen Stimmen und ihr anrufendes Lachen, das sich wie unter eigenem Kitzel verschluckte. Kellner mit Servietten huschten vorüber, das Licht brach sich in den buntfarbigen Kelchen und Flaschen und strahlte in den Schmucksachen auf glatter, halboffener, weiblicher Haut. Nur durch die weiten Fenster blickte unverwandt die schwarze Nacht herein.
„Warum sind Sie denn allein? Wo ist Maria Sergejewna?“ fragte Opalow; aus seiner Stimme konnte man heraushören, daß der Name Maria Sergejewnas in ihm eine unfaßbare Vorstellung weiblicher Entblößung hervorrief.
Mishujew wußte, daß Maria Sergejewna auf alle Männer eine schmerzlich erregende Wirkung ausübte, und daß man von ihr mit einer besonderen Nuance im Tone sprach. Einst schmeichelte es ihm, er fühlte einen eigentümlichen Reiz, zuzuschauen, wie fruchtlos alle Männer durch diese Frau erregt wurden. Doch in der letzten Zeit fiel ihm darin etwas Verletzendes und Unangenehmes auf; er erinnerte sich, daß man erst begonnen hatte, mit ihr und über sie so zu sprechen, seitdem er zu ihr in feste Beziehungen getreten war. Ebenso schön war sie auch früher gewesen, aber damals umhüllte sie eine besondere Reinheit. Durch seine Berührung war diese Reinheit abgestreift worden, vor allen Menschen hatte er sie in der erniedrigenden und groben Gestalt eines allen zugänglichen Weibchens entblößt.
„Sie ist nach Ssemeïd gefahren,“ antwortete Mishujew ungern und mit einem Blick nach der Seite.
„So! Ich war ihnen heute begegnet ... Mit Parchomenko?“ Opalow war entzückt, und wieder spürte Mishujew aus diesem Entzücken etwas Besonderes heraus. Als hätte Opalow niemals daran gezweifelt, daß Maria Sergejewna früher oder später in Parchomenkos Hände übergehen müßte; jetzt aber wäre er zur Überzeugung gekommen, daß es sich schon vorbereitete. Nach Opalows Meinung war Mishujew schon der Liebhaber a. D.
„— — Anders kann er es sich gar nicht vorstellen,“ dachte Mishujew.
„Parchomenko, das war jener? ...“ erkundigte sich plötzlich Podgurski.
„Ganz recht — der!“ sagte Opalow, während seine eigentümlich japanischen Augen glänzten.