Er wünschte nur, daß sie weiter spräche, noch mehr seine fürchtenden Gedanken zerstreue, sie widerlege, es beweise.

„Ja, aber ... dein Mann war doch klüger und talentvoller als ich ... Was bin ich denn im Grunde genommen ...“

Er fragte mit gedämpfter Stimme, als könne er dadurch seinen Wunsch verbergen; er erschrak selbst vor diesem Verhör, wie wenn er über einen Abgrund gleite. Er strengte sich an, sie zu überbieten, ihr den Gatten von neuem in Erinnerung zu bringen, ihr zu beweisen, daß jener besser sei als er.

„Wofür hast du mich im Grunde lieb gewonnen? ... Gewiß nicht, weil ich gesund bin wie ein Bulle?“ er sprach mit Absicht verletzend von sich; er war ganz gespannt in der sehnsüchtigen Erwartung nach Widerlegungen, nach leidenschaftlichen, erhebenden Worten.

Maria Sergejewna war durch seine letzte Frage tief beleidigt. Ihr ganzer Körper sträubte sich dagegen, als wäre er plötzlich entblößt auf die Straße geworfen worden; sie fing an zu beteuern, daß es nicht wahr sei.

„Aber, wie denn?“

Sie antwortete nicht gleich, fand nicht die richtigen Worte. Es war finster, und Mishujew konnte den Ausdruck ihrer Augen nicht erkennen. Er wartete und fühlte mit Entsetzen, wie ein schlüpfriger, fürchterlicher Verdacht in dem Dunkel seiner Seele entstand und herumschlich.

Doch sie begann ihm auseinanderzusetzen, warum sie ihn für klüger, besser, origineller als die anderen hielte. Sie bewies es leidenschaftlich, aufgeregt, hastig. Aber er widersprach ihr immer wieder und erklärte mit falscher, gehässiger Stimme, daß ihr Mann ein hervorragender, prächtiger Mensch sei. Er schilderte ihn wahrheitsgetreu und erniedrigte sich selbst dabei. Vor Maria Sergejewna tauchte allmählich immer klarer und deutlicher die bekannte Gestalt auf; das feinfühlige Gesicht des schönen, zärtlichen, eigenartigen Menschen, das sie auch noch jetzt, ohne es zu wissen, liebte. Irgendwo in der Ferne zeigten sich Erinnerungen an das erlebte Glück, an die ersten Liebkosungen; sie riefen bis zur Unfaßbarkeit feine Trauer hervor. Sie erschrak und begann zu streiten, ganz eigentümlich zu streiten, als ob sie nicht Mishujew zu widerlegen suchte, sondern etwas anderes, das im Innern ihrer selbst entstanden war. Das krankhaft angespannte Gehör Mishujews erfaßte diesen eigentümlichen Klang der gebrochenen weiblichen Stimme. Auch in seinem eigenen Flüstern änderte sich etwas: er stieß seine Werte mit trockener, unbegreiflich gehässiger Hartnäckigkeit hervor. Und mit einem Mal merkte Maria Sergejewna mit Entsetzen, daß es ihr, sobald sie nicht mehr leugnen konnte, daß ihr Mann ein hervorragender, guter Mensch ist, an den Beweisen fehlte, weshalb sie Mishujew liebgewann.

Ohne Worte wurde es klar, daß sie ihren Mann liebte und ihn auch jetzt noch nicht vergessen hatte, und daß sie nur von dem Drang nach neuem, prunkvollem Leben, den sie bis jetzt mit solcher Beharrlichkeit, und, wie sie glaubte, auch mit Aufrichtigkeit geleugnet hatte, fortgerissen worden war.

Als sie dahin kam, verstummte sie plötzlich, ungeschickt, ratlos, schwach, während sie sich angstvoll sagte, daß sie jede Sekunde dieses Schweigens zugrunde richten müsse. Mishujew wartete, drückte noch immer mit seiner schweren Schulter auf ihre weiche Brust und schob sein Bein nicht von ihren runden, warmen Schenkeln zurück. Seine Augen starrten unverwandt geradeaus in die Finsternis, sein ganzer Körper lag abgestorben in der entsetzlichen Erwartung dessen, was er längst vorausgesehen hatte. Eine unabwendbare, eisige Kälte stieg allmählich von ihnen herauf und trennte sie voneinander. Sie versuchte, noch etwas zu sagen, brachte es aber nicht fertig und brach plötzlich in ohnmächtiges Weinen aus.