Mishujew trat schwer, ohne sich seitlich umzusehen, auf das Trottoir und trat hinter ihr ein.
Sofort stürzten einige höfliche Verkäufer und Verkäuferinnen mit dienstbereiten Verbeugungen auf Maria Sergejewna zu, scharrten mit den Stiefelsohlen und lächelten mit plötzlich belebten Mienen. Eine Minute lang machte es den Eindruck, als drängte sich dort eine Schar glücklicher, ergebener Menschen, die freudig eine lang ersehnte, gute Freundin umringten. Wie von einem Wirbelsturm herausgerissen öffneten sich im Nu Dutzende Kartonschachteln, und blaue, rote, bunte Bänder flogen über Haufen weißer Hüte wie Blumen auf Schnee.
Es waren einfache Stoffhüte „Babyfasson“ vorgelegt worden; Maria Sergejewna wünschte sich einen auszusuchen. Sie glaubte, daß sie in diesem Hut wie ein graziöses, mutwilliges Mädchen aussehen müßte.
Die Verkäuferinnen plapperten mit übertriebener Lebhaftigkeit, die Verkäufer spreizten die Stimmen, um für Franzosen gehalten zu werden, und durch die offene Ladentür drang das Getöse und die Farben der Sonne hinein, und Maria Sergejewna wählte und suchte, während sie sich wie ein Kind über das Spiel der Farben und Modelle freute. Sie glänzte mit den Augen, lehnte ab, schwankte, lachte und war ununterbrochen in Bewegung. Sie musterte ihre Figur im großen Spiegel und reckte sich mit dem ganzen Körper, um ihr Profil sehen zu können. Und in jedem neuen Hut — mit blauen, roten, bunten Bändern — auf dem schwarzen Haar schien ihr matt-rosiges Gesichtchen noch schöner und jünger.
Mishujew saß inzwischen unbeweglich am Ladentisch, wie ein schwarzer Fleck inmitten der lärmenden Menge, die schweren Hände auf den aufrecht stehenden Spazierstock gestützt. Er sah schläfrig aus, wie ein nicht ausgeruhter, kranker Mensch, der nichts mehr sieht, nichts hört — nicht Sonne, noch Lachen, noch weibliche Anmut, — nichts, außer einer unheilvollen Bewegung, die langsam, schweigsam sein Leben Schritt für Schritt von innen heraus untergräbt, ohne daß er sich dagegen auflehnen könnte.
Manchmal blieb sein Auge an dem niedlichen erregten Gesichtchen Maria Sergejewnas haften, dann wendete er es wieder ab und stemmte den starren Blick gegen den ersten besten Gegenstand, — gegen die Tischecke, den lackierten Stiefel eines Kommis oder die harten Schulterknochen einer Verkäuferin, die wie selbstverständlich unter der koketten Seidenbluse hervortraten.
„Theodor, schau mal her ... ich werde den hier nehmen. Ich glaube, er steht mir gut, nicht? ... Oder den hier? ... Wie meinst du ... rate mir? ...“ Maria Sergejewna fragte ihn; sie konnte die leichte Unruhe, die in ihrer Stimme und ihrem Blick zitterte, nicht unterdrücken.
Ihr war froh und leicht gewesen. Die Szene vom Abend vorher hatte mit einer leidenschaftlichen Versöhnung geendet; sie war fast ganz aus ihrer Erinnerung geschwunden, verscheucht von Sonne, Lärm und dem Spiel des Geldes, an dessen Hinauswerfen sie sich noch immer nicht gewöhnen konnte.
Doch jetzt trübte das düstere Gesicht Mishujews ihre Freude. Es flößte ihr Schrecken ein. Es erinnerte sie, daß Küsse und wollüstige Zärtlichkeiten doch nur hinausschoben, was in ihr Leben eingedrungen war, ohne es aufzulösen und zu vernichten.
... Sind wir damit wirklich noch nicht durch? Wird es wieder diese widerwärtigen Szenen, die das Leben zur Last machen, geben? ... an der äußersten Fläche ihrer Gedanken huschten die Fragen vorüber.