Ein tragischer Unterton erklang in Mishujews Stimme. Nikolajew blieb mitten im Zimmer stehen und wurde nachdenklich. Sein Gesicht wurde ernst und vertieft.
„Das ist vielleicht wahr, aber du hast dennoch Unrecht.“ Er warf sein Haar zurück, als hätte er etwas gefunden, was er beinahe verloren hatte.
Er erinnerte Mishujew, daß dieser seine Reichtümer, die ihm nun einmal an die Hand gekommen waren, auch fest in seiner Hand verschließen konnte. Ob ein Millionär, der die Arbeit von Massen anhäuft, eine Daseinsberechtigung hat oder nicht, gleichviel, Millionäre existieren und die Menschen sind nicht nur weit entfernt, sie zu töten; sie unterwerfen sich ihnen sogar. In der Gewalt eines jeden Millionärs liegt es, die größten Infamien zu begeben, oder aber Gutes zu tun. Mishujew hat das letztere gewählt; das können vernunftbegabte Menschen unmöglich mißverstehen.
Nikolajew belebte sich, während er redete, auf’s äußerste, seine Augen glänzten, er lächelte breit und freudig. Mishujew saß auf dem Divan, sah ihn mit feuchten Augen an und fühlte, wie in ihm etwas warmes aufwuchs, und die Hoffnung auf einen kommenden lichten Tag emporstieg. Er verlor sein gewöhnliches gespannt ungesundes Aussehen und wurde so zutraulich, wie ein gutmütiger Bär.
„Du hast in deiner Hand fast zehntausend Arbeiter,“ sagte Nikolajew mit einem glutenden Gefühl, das augenscheinlich seine ganze Seele durchströmte, und bemühte sich unwillkürlich, mit seiner Stimme die Klavierlaute und die stürmischen Koloraturen eines glänzenden Soprans, die aus dem Saal herüber drangen, zu übertönen.
„Aber sie haben nicht dich allein zum Herrn; dein Bruder besitzt sie ebensogut. Warum tat er denn nicht dasselbe wie du? ... Oder warum handelst du nicht so wie er? Jede Kopeke, die du für die Arbeiter hingibst, gibst du ihnen doch aus freien Stücken ... Zwingen kann dich niemand! Und meinst du, der Arbeiter, der weiß es nicht? ... Die wissen mehr, als wir beide!“
Mishujew schaute ihm naiv und vertrauensvoll ins Gesicht.
„Weißt du, als sich die Nachricht von deinem Selbstmord verbreitete, wollten es die Arbeiter nicht glauben ... Mir selbst hat ein alter Arbeiter mit Tränen gesagt: ‚Das ist nicht möglich ... ein solcher Mensch nimmt sich nicht das Leben. Da will er sich eben vor Feinden verborgen halten, und wenn es erst wieder an der Zeit ist, dann kommt er hervor und zeigt sich!‘ — — — Hier hast du es!“ schrie unwillkürlich Nikolajew aus, und seine Augen erglänzten in einer solchen Begeisterung, als ob er etwas Großes und Heiliges vor sich stehen sah.
Mishujew fühlte, wie seine Hände und Füße vor tiefster Freude und einem kaum erträglichen Glücksgefühl erzitterten. Er sah mit einem Male die unübersehbare Menge dieser ruhigen, zermarterten, hungrigen Arbeiter vor sich und erblickte ein ganzes Meer von Augen, die offen und vertrauensvoll auf ihn schauten. Er sah auch sich selbst, aber nicht als den schweren düsteren Menschen, der er stets war, sondern als energischen, tatbereiten Mann, der fest und sicher auf sein Ziel losgeht. Der scharfe Gedanke an ein untergegangenes persönliches Leben traf ihn wie ein Nadelstich, aber der augenblickliche Schmerz versank sofort in einer grellen Flut machtvoller Empfindungen.
„Ach, Bruder,“ sagte er mit zitternder Stimme, „nicht umsonst dachte ich soviel an dich und sehnte mich nach diesem Wiedersehen!“