Jurii liebte es vorzulesen; er verstand es.
Ohne auf jemanden hinzusehen, stieg er auf das Katheder und begann mit markigem, kraftvollem Ton. Mehrmals schaute er sich nach Karssawina um und jedesmal begegnete er dann ihren blinkenden und ausdrucksvollen Augen, die fest auf ihn gerichtet waren. Verwirrt und erfreut lächelnd wandte er sich dann wieder zum Buch und suchte sein Vorlesen noch eindringlicher zu gestalten. Und er war überzeugt, daß er für sie irgend etwas unergründlich Schönes und Interessantes darstellen müsse.
Als er geendet hatte, klatschte ihm auch die erste Reihe Beifall zu.
Jurii verneigte sich ernst, und vom Katheder forttretend, lächelte er im geheimen zu Karssawina hinüber, als wenn er sagen wollte: Für dich ist das alles.
Das Publikum fing an, mit den Füßen zu scharren, Stühle wurden gerückt, Zwiegespräche setzten ein, und langsam gingen die Anwesenden auseinander.
Jurii achtete kaum darauf, daß er noch ein paar Leuten vorgestellt wurde, die ihm Liebenswürdigkeiten über sein Lesen sagten.
Nach und nach verlöschten die Lichter, und nun schien es mit einem Male noch dunkler zu werden, als es je vordem im Saal gewesen war.
„Ich danke Ihnen,“ sagte Schawrow, Jurii herzlich die Hand drückend. „Wenn man bei uns nur immer so vorlesen könnte.“
Die Veranstaltung der Bildungsabende lag in seinen Händen, und er hielt sich daher für verpflichtet, Jurii in ausführlicher Weise zu danken, als ob ihm eine persönliche Gefälligkeit erwiesen worden wäre. Dabei klang aber durch seinen Worten unwillkürlich die Nuance, als ob er ihm im Namen des ganzen Volkes spreche. Er benahm sich sehr ernst und gewichtig.
„Für das Volk wird bei uns viel zu wenig getan,“ sagte er mit Mienen, als weihe er Jurii in ein großes Geheimnis ein. „Und wenn wirklich mal irgend etwas geschieht, dann auch nur ganz oberflächlich und nachlässig. Es scheint mir in der Tat sonderbar; — — um einigen Herrschaften, die sich langweilen, ein Vergnügen zu machen, werden Sänger, Schauspieler, Deklamatoren nach Dutzenden auf das Podium gestellt; um aber dem Volk etwas zu bieten, muß sich solch elender Vorleser wie ich ans Pult setzen.“ Mit gutmütiger Ironie schwenkte er seine Hand hin und her. „Und das Beste ist, — alle sind noch damit zufrieden. Ja, — was hätte es denn auch zu wollen, das Volk —“ seine Stimme wurde bitter, schmerzlich.