„Ah! Heute habe ich Dienst! Guten Abend, meine Herrschaften.“ Aber sogleich zog er die Augenbrauen in die Höhe und fuhr mit völlig veränderter, trauriger und bedeutungsvoller Stimme fort:
„Ich glaube, er ist schon ohne Bewußtsein. Gehen wir zu ihm. Dort ist Nowikow und die anderen.“ Und während sie einer nach dem anderen den übermäßig sauberen Korridor an großen weißen Türen mit schwarzen Nummerschildern vorbeigingen, sprach Rjäsanzew leise weiter:
„Man hat schon nach dem Geistlichen geschickt. Es ist ganz erstaunlich, wie schnell es ihn klein gekriegt hat. Ich habe mich selbst gewundert. Dazu hat er sich in der letzten Zeit in einem fort erkältet, und das war in seiner Lage gewagt. So, hier liegt er.“
Rjäsanzew öffnete eine hohe weiße Tür und trat hinein. Die anderen drängten sich in den Türrahmen und stießen sich gegenseitig an, als sie hinter ihm hergingen.
Die Station war groß und sauber. Vier Betten waren leer und sorgfältig mit rauhen, grünen Decken, durch die gerade weiße Falten liefen, zugedeckt. Sie erinnerten an Särge. Auf dem einen saß ein kleiner, zusammengeschrumpfter Greis im Bauernkaftan, der sich erschrocken nach den Eingetretenen wie auch nach dem sechsten Bett umsah, wo unter einer ebenso harten Decke Semionow lag. Neben ihm hockte Nowikow vornübergebeugt auf dem Stuhl; am Fenster standen Iwanow und Schawrow. Alle fanden es sonderbar und unpassend, daß sie sich in Gegenwart des sterbenden Semionow begrüßen mußten und sich die Hände drückten. Aber merkwürdigerweise schien es ihnen ebenso unrichtig, es zu unterlassen, als würden sie dadurch die Nähe des Todes besonders betonen.
Daraus ergab sich eine allgemeine Konfusion; einige von ihnen grüßten sich; andere nicht. Jeder blieb dort stehen, wo er gerade stand, und blickte mit scheuer und banger Neugierde auf Semionow.
Semionow atmete schwer und selten. Er war garnicht mehr jenem Semionow ähnlich, der ihnen allen bekannt war, sah überhaupt kaum noch einem Lebenden ähnlich. Obgleich ihm dieselben Gesichtszüge wie im Leben, dieselben Glieder, wie allen anderen Menschen, geblieben waren, hatten sie doch den Eindruck, daß sich seine Mienen irgendwie furchtbar und unverrückbar verändert hätten. Das, was die Körper Anderer belebt und so selbstverständlich bewegt, schien für ihn nicht mehr vorhanden zu sein. Irgendwo in der Tiefe seines grauenhaft regungslosen Körpers vollzog sich eilig ein entsetzenerregender Vorgang, als tastete er jetzt schon nach einer neuen, unabwendbaren Arbeit.
Sein ganzes Leben hatte sich in die Tiefe verkrochen, um dieser Arbeit mit einer intensiven, unerklärlichen Aufmerksamkeit lauschen zu können.
Die Lampe, welche inmitten der Zimmerdecke hing, beleuchtete mit greller Schärfe seine unbeweglichen Gesichtszüge, die nichts mehr sahen, nichts hörten.
Alle standen schweigend da und schauten, ohne die Augen abzuwenden, auf ihn; sie hielten den Atem ein in der Furcht, den großartigen Prozeß zu stören.