Das war so einfach und natürlich geschehen. Und mit allem, was wir im Tode verlieren, wird uns im Grunde nichts genommen. Im Leben gibt es auf jeden Fall mehr unangenehme als freudige Ereignisse. Zwar wird es einem schwer, auch die wenigen Freuden hingeben zu müssen. Aber die Befreiung von der Last des Schlechten, die der Tod mit sich bringt, muß doch zuletzt ein Plus ergeben.

„Ja, wirklich, das ist ja ganz einfach und gar nicht furchtbar,“ sagte Jurii leise mit einem erleichternden Seufzer vor sich hin, aber sofort unterbrach wieder ein schneidendes Gefühl feinsten, seelischen Schmerzes diesen Gedanken. Nein, daß eine volle, lebende, unendlich feine und komplizierte Welt in einem Augenblick in ein Nichts verwandelt wird, in einen Klotz, in ein gefrorenes Scheit, das ist nicht mehr die Verwandlung des Knaben Jura in Jurii Swaroschitsch, sondern das ist eine bis zum Ekel abschreckende Widersinnigkeit und darum entsetzlich und unbegreiflich.

Ein feiner, kalter Schweiß bedeckte die Stirn Juriis. Er mußte alle Kräfte seines Hirns zusammennehmen, um sich den Zustand, den zu erleben jedem Menschen unmöglich erscheint und den doch ein jeder erleben wird, vorzustellen. So wie ihn eben Semionow erlebt hatte. Und der war auch nicht vor Angst gestorben, dachte Jurii und lächelte über das Sonderbare dieses Gedankens. Er verspottete sogar noch diesen Popen, den Gesang und die Tränen.

Es schien, daß hier irgend ein Punkt verborgen sein mußte, der, wenn er erst einmal begriffen war, auch alles andere erleuchten würde.

Aber zwischen seiner Seele und diesem unbekannten Punkt befand sich eine dichte, undurchdringliche Mauer. Seine Gedanken glitten über eine ungreifbar glatte Fläche und in dem Augenblick, als er glaubte, der Lösung des Rätsels nahe zu sein, befanden sie sich wieder unten auf demselben Platz. Und nach welcher Seite er auch das Netz der feinsten Gedanken und Vorstellungen auswarf, er fing nur immer dieselben platten und bis zur Schmerzhaftigkeit überdrüssigen Worte: Entsetzlich und unbegreiflich.

Dieses Spiel quälte und schwächte ihn seelisch und körperlich. Bis ins Herz stieg die wehe Trübsal, die Gedanken wurden farblos, der Kopf begann zu schmerzen und ihm kam der Wunsch, sich jetzt hier auf dem Boulevard niederzulegen, und alles, alles beiseite zu schieben, — selbst die Tatsache des Lebens.

Aber wie konnte Semionow lachen, da er wußte, daß nach einigen Augenblicken das Ende kommt? Was war er? Ein Held! Nein, das hatte mit Heldentum nichts zu tun. Es bedeutete einfach: Der Tod ist nicht so schrecklich, als ich denke.

In diesem Augenblick rief ihn Iwanow an:

„Ach, Sie sind es?“ Jurii fuhr mit dem ganzen Körper zusammen.

„Ja, und des Sterbens des soeben dahingeschiedenen Knecht Gottes gedenkend,“ antwortete fröhlich und gerötet Iwanow.