„Und die Natur?“
„Was? die Natur?“ Ssanin schwenkte mit einem schwachen Lächeln abwehrend mit der Hand. „Es ist ja Brauch, zu sagen, daß die Natur vollkommen ist ... In Wirklichkeit ist sie genau so schlimm, wie der Mensch. Jeder von uns wird sich ohne jede besondere Anstrengung der Phantasie eine Welt vorstellen können, die hundertmal besser wäre, als die heutige. Warum sollte es nicht ewige Wärme und Licht und einen ununterbrochenen Garten geben, ewig grün und freudig.
Und der Sinn? Einen Sinn gibt es natürlich. Der kann nicht fehlen. Einfach darum, das Ziel muß außerhalb unseres Lebens liegen, in den Gründen des Universums selbst. Das ist begreiflich. Wir sind nicht der Anfang, also können wir auch nicht das Ende sein. Uns ist nur ganz allein eine Aushilfsrolle bestimmt, eine passive Rolle. Durch die Tatsache, daß wir leben, erfüllen wir schon unseren Zweck. Unser Leben ist nötig und folglich ist auch der Tod nötig.“
„Für wen? ...“
„Woher soll ich denn das wissen,“ lachte Ssanin. „Und was geht es mich denn im Grunde an. Mein Leben, das sind meine Empfindungen; die angenehmen und unangenehmen. Und was hinter ihren Grenzen liegt, — ich spucke drauf. Welche Hypothese wir auch hinstellen mögen; es bleibt immer nur Hypothese und auf dieser Grundlage sein Leben aufzubauen, das wäre Dummheit. Wem es Bedürfnis ist, der mag sich dafür absorgen; ich aber will leben.“
„So trinken wir aus diesem Anlaß aus,“ schlug Iwan vor.
„Und glauben Sie an Gott?“ fragte Pjotr Iliitsch, Ssanin seine trübgewordenen Augen zuwendend. „Jetzt glaubt ja niemand mehr. Man glaubt nicht einmal, daß man an Gott glauben darf.“
„O, an Gott glaube ich schon,“ sagte Ssanin wieder lächelnd. „Der Glaube an Gott steckt noch von der Kindheit her in mir und ich sehe keine Notwendigkeit, ihn zu bekämpfen oder auch ihn zu stärken. So ist es am besten. Gibt es einen Gott, so werde ich wahrhaft aufrichtig an ihn glauben; gibt’s keinen — — nun, um so besser für mich.“
„Aber auf der Grundlage des Glaubens oder Nichtglaubens baut sich ja das ganze Leben auf,“ bemerkte Jurii.
„Nein,“ Ssanin machte eine abwehrende Kopfbewegung und seine Züge legten sich in ein gleichgültig fröhliches Lächeln. „Ich brauche diese Grundlage des Lebens nicht.“