„Dein Anatoli Pawlowitsch ist ein schmutziges Vieh,“ wollte Jurii in plötzlicher Wutaufwallung herausschreien. Doch statt dessen antwortete er zögernd: „Wahrscheinlich ist er zu einem Kranken gefahren.“

„Zu einem Kranken,“ wiederholte Ljalja mechanisch. Sie verstummte aber gleich wieder und blickte auf die Sterne.

Sie war nicht betrübt darüber, daß Rjäsanzew nicht mit hereingekommen war. Sie wünschte selbst eine Weile allein zu bleiben, damit sie sich, ganz ungestört von seiner Anwesenheit, das Verlangen, das ihr den ganzen Körper und ihre junge Seele durchwühlte, vergegenwärtigen konnte. Es war der brennende Wunsch, jenen unvermeidlichen und doch beängstigenden Bruch herbeizuführen, nach dem ihr ganzes früheres Leben abfallen und ein neues beginnen möchte. Ein neues Dasein, das sie zu einem anderen Menschen machen mußte.

Jurii berührte es sonderbar, wie diese immer lustige, lachende Ljalja, mit einem Male still und nachdenklich geworden, neben ihm saß. Und weil er selbst ganz voller trauriger aufregender Stimmungen war, so kam ihm alles um Ljalja, wie auch der ferne Sternenhimmel und der dunkle Garten, traurig und kalt vor. Er begriff nicht, daß hinter dieser lautlosen und unbeweglichen Nachdenklichkeit nicht Trauer, sondern rauschendes Leben gelegen haben sollte. In den weiten Wolken brauste eine überschäumend machtvolle, unverkennbare Kraft, der dunkle Garten zog in jeder Bewegung aus der Finsternis lebensprühende Regungen ein und in der Brust der stillen Ljalja verbarg sich soviel Glück, daß sie jeden Eindruck fürchtet, der diesen Zauber verletzen konnte. Nur lauschen wollte sie ihrer Harmonie von Liebe und Sehnsucht, die ebenso glänzte wie der Sternenhimmel, ebenso lockte wie der geheimnisvolle Garten und unbeengt in ihrer Seele wiederklang.

„Ljalja, liebst du Anatoli Pawlowitsch sehr?“ fragte Jurii leise und behutsam, als müßte er fürchten, sie mit jedem Laut aufzuschrecken.

... Kann man danach noch fragen ..., dachte verloren Ljalja, sie kam aber gleich zu sich und schmiegte sich an den Bruder, dankbar dafür, daß er jetzt nicht über etwas Gleichgültiges, sondern gerade von ihrer Liebe zu sprechen begann.

„Sehr,“ antwortete sie so innig, daß Jurii ihre Antwort eher erriet als hörte. Ljalja mußte sich energisch zwingen, die glücklichen Tränen zurückzuhalten, die ihr in die Augen stiegen.

Jurii bemerkte es nicht. Ihm schien eine traurige Note aus der Stimme herauszuklingen, und so regte sich von neuem in ihm der Haß auf Rjäsanzew und ein stärkeres Bedauern für Ljalja.

„Aber wofür nur,“ fragte er unwillkürlich, gleichzeitig vor der eigenen Frage erschreckend.

Ljalja blickte verwundert zu ihm auf, konnte jedoch sein Gesicht nicht erkennen. Ganz leise lachte sie auf.