„Nein, nein, du würdest so nicht geredet haben,“ sagte Ljalja beharrlich mit einem Klingen in der Stimme.
„Ich wollte ganz einfach sagen, daß überhaupt ...“ Jurii wurde verwirrt und erstarb fast vor Scham. Dann fuhr er gewaltsam fort: „Wir Männer sind doch nach allen Regeln verdorben. Alle ...“
Ljalja schwieg und mit einem Male lachte sie erleichtert auf: „Nun, das weiß ich schon.“
Dieses Lachen erschien Jurii ganz unangebracht.
„So einfach ist die Geschichte doch nicht, wie es dir vorkommt.“
Die Aufregung hetzte Jurii in eine boshafte Ironie hinein. „Alles kannst du sowieso nicht wissen. Du kannst dir gar nicht alles Gemeine im Leben vorstellen. Du bist viel zu rein dazu.“
„Nun, nun,“ lächelte Ljalja geschmeichelt, fuhr aber gleich sehr ernst fort, während sie die Hand auf die Knie ihres Bruders stützte: „Du meinst wohl, ich habe über alles das noch nicht nachgedacht. O, ich habe viel nachgedacht. Es war mir immer schmerzlich und beleidigend, weißt du. Warum halten wir unsere Reinheit und unseren Ruf so hoch — wir fürchten jeden Schritt, fürchten zu fallen — oder so was — aber die Männer, die denken fast, es ist eine Heldentat, eine Frau zu verführen. Das ist doch furchtbar ungerecht, nicht wahr?“
„Ja,“ sagte Jurii bitter und suchte einen Genuß darin, seine eigenen Erinnerungen zu geißeln, doch gleichzeitig davon überzeugt, daß er, Jurii, etwas ganz anderes wäre als alle anderen.
„Das ist eine der größten Ungerechtigkeiten in der Welt. Frage nur den ersten Besten von uns. Wird er eine ...“ Er wollte ‚Straßendirne‘ sagen, aber er stockte und fuhr statt dessen fort: „eine Kokotte heiraten? Jeder wird dir ‚Nein‘ antworten. Und warum ist denn eigentlich ein Mann besser als die Kokotte. Jene verkauft sich wenigstens für Geld, für ihr tägliches Brot; der Mann treibt sich einfach in — in Ausschweifungen herum und immer auf die roheste und auf die perverseste Art und Weise.“
Ljalja schwieg.