Eine unsichtbare Fledermaus schwirrte rasch und schüchtern am Balkon vorbei, streifte mehrmals mit den schwingenden Flügeln die Wand und glitt dann wieder mit einem leichten Laut hinaus. Jurii lauschte auf die so geheimnisvolle Regung des nächtlichen Lebens, dann sprach er mit steigender Erregung, von seinen eigenen Worten fortgerissen: „Und das Schlimmste ist dabei, daß es nicht nur alle wissen und hinnehmen, als wenn es ganz selbstverständlich wäre; nein, sie spielen sogar die schwierigsten Tragikomödien; sie heiligen die Ehe — lügen, wie man sagt — vor Gott und den Menschen! Und immer geraten die reinsten, idealsten Mädchen“ — das fügte er im Gedanken an Karssawina und mit einer leichten Eifersucht auf etwas Unbekanntes hinzu — „an die verdorbensten, schmutzigsten Männer. Oft genug sind sie ja infiziert. Semionow, der Tote, sagte einmal: ‚Je reiner die Frau ist, um so schmutziger ist der Mann, der sie besitzt.‘ Und das stimmt!“

„Es ist nicht möglich ...“

„O gewiß“; über Juriis Gesicht flog ein bitteres Lächeln.

„Davon weiß ich nichts,“ sagte Ljalja nach einer schweren Weile, und in ihrer Stimme erzitterten Tränen.

„Wie?“ fragte Jurii zurück, da er nicht mehr hingehört hatte.

„Ist denn Tolja wirklich so wie alle anderen?“ sagte Ljalja, indem sie zum ersten Male dem Bruder gegenüber Rjäsanzew mit dem Kosenamen nannte. Sie begann zu schluchzen. „Nun gewiß, er ist auch so einer.“

Jurii packte mit Schmerz und Grauen ihre beiden Hände.

„Ljalja — Ljalitschka — was hast du denn? Ich wollte ja gar nicht — mein Täubchen, höre auf — weine doch nicht,“ stammelte er zusammenhanglos, riß ihre feuchten kleinen Fingerchen von ihrem Gesicht und küßte sie.

„Nein, nun verstehe ich schon, es ist wahr,“ wiederholte Ljalja; sie erstickte fast unter dem Schluchzen.

Obgleich sie ihm vorher sagte, daß sie früher bereits über all das nachgedacht hätte, war dem in Wirklichkeit doch nicht so. Niemals hatte sie sich das intime Leben Rjäsanzews vorzustellen versucht. Sie wußte natürlich, daß sie nicht die Erste war, die er liebte, und verstand, was das bedeutete. Aber dieses Bewußtsein verdichtete sich niemals zu einem klaren Bilde und glitt an ihrer Seele nur leicht vorüber. Sie fühlte, daß sie sich beide liebten und das war ihr genug. Alles andere blieb dagegen unwichtig. Als ihr Bruder jetzt mit scharfer Betonung der Verurteilung und der Verachtung sprach, tat sich vor ihr ein Abgrund auf, aus dem unzerstörbar qualvolle Vorstellungen aufstiegen. Ihr Glück war darin für immer versunken; es schien ihr undenkbar, Rjäsanzew je wieder zu lieben. Jurii versuchte ihr, selbst fast weinend, gut zuzureden; er küßte sie und fuhr streichelnd über ihr Haar. Aber sie schluchzte ununterbrochen fort; — zerbrochen und hoffnungslos.