Jurii errötete, wollte eine Grobheit nachrufen; aber es wurde ihm beschämend und bange zumute. Mit dem Gefühl aufgestachelten Ingrimms gegen den Vater und kopflosen Mitleids zu Ljalja, mit der schmerzlichen Verachtung gegen sich, trat er leise auf die Treppe, stieg die Stufen hinunter und ging in den Garten.

Ein kleiner Frosch winselte heftig und zuckte unter seinem Fuß, aufplatzend wie eine zerdrückte Eichel. Jurii glitt aus, fuhr zusammen, stöhnte und sprang mit einem Satze zur Seite. Eine Zeitlang rieb er mechanisch den Fuß am feuchten Gras, in seinen Rücken grub sich ein nervöses Gefühl von Ekel und Kälte. Er wurde immer mißgestimmter; am Fuße haftete unverändert die widerwärtige Empfindung des weichen Körpers; er wand sich schmerzhaft unter ihr. Er war mit Abscheu vor allem geladen. Tastend suchte er in der Dunkelheit eine Bank und ließ sich schwerfällig auf ihr nieder. Dann starrte er mit gespanntem trockenem Blick in den Garten hinein, sah aber nur einige verschwommene Nebelfetzen. Durch seinen Kopf krochen trübe plumpe Gedanken. Er blickte auf den Flecken, wo irgendwo im dunklen Grase das von ihm zerdrückte Fröschlein lag und wahrscheinlich bereits unter gräßlichen Qualen verendet war. Dort nahm jetzt eine ganz Welt voll eigenartigen, selbständigen Lebens ihr Ende und doch war der Abschluß, der tatsächlich unsagbar martervoll sein mußte, allen verborgen geblieben. Plötzlich zog dieselbe Gedankenkette eine neue, ganz fremde Vorstellung heran, von der er sich nicht mehr losreißen konnte. Alles das, was sein Leben bis in die feinsten Fäden durchsetzte, die gewaltigen Kräfte, die in Liebe und Haß zum Ausbruch kamen, die unbekannten Triebe, durch die er eines von sich stieß und anderes wieder gegen seinen Willen ergreifen mußte, das Gute und das Böse, für das er kämpfte und litt, seine ganze Persönlichkeit — alles war im Grunde nichts mehr als eine dünne Nebelwolke, die sich schemenhaft um ihn ausstreckte. Für die Welt in ihrem unermeßlichen Ganzen existierten seine schmerzlichsten und seine innigsten Erlebnisse ebensowenig, wie hier die Qualen des kleinen Tieres, von denen außer ihm niemand etwas wußte. In dem Glauben, daß seine Leiden, seine Vernunft, sein Gut und Böse noch für andere Menschen von großer Bedeutung seien, flocht er absichtlich und offenbar ohne Sinn ein kompliziertes Netzwerk zwischen sich und der Welt. Aber der einzige Augenblick des Todes reißt jäh die blinkenden Maschen in ihrer Mitte durch und wirft die Reste hinter sich zurück, ohne daß er auch nur einen einzigen Blick über sie werfen ließe.

Ihm kam wieder Semionow in Erinnerung und seine Gleichgültigkeit gegen die erhabenen Ziele und Ideen, die ihn, Jurii, und Millionen andere so tief bewegten. Plötzlich wurde ihm wieder der scharfe Gegensatz bewußt zwischen der naiven unversteckten Freude am Leben in der Mondnacht, als sie im Boote nach dem Kloster zurückkehrten, und jenem dumpfen, gehässigen Gespräch am Abend zuvor. Wieder fiel ihm ein, wie scharf dieser Kontrast hervorgetreten war und wie unangenehm er davon berührt wurde.

Als sie damals durch die Nacht fuhren, war es ihm unbegreiflich gewesen, daß dieser Semionow so nichtigen Sachen wie dem Rudern oder schönen Mädchenkörpern irgend eine Bedeutung beimessen konnte, nachdem er am Abend zuvor die höchsten Ideale bewußt von sich gestoßen hatte. Jetzt aber verstand Jurii leicht, daß es gar nicht anders sein konnte: jene Kleinigkeiten entrollten das Leben, — das echte Leben voll ergreifender Ereignisse und verlockender Genüsse, während die großen Ideen nichts waren als leere Zusammenhänge von Worten und Gedanken, die auf das unergründliche Geheimnis des Lebens und des Todes ohne Einfluß blieben. Diese Schlußfolgerung hätte Jurii früher ganz fern gelegen und stieg jetzt so unerwartet aus dem Nachsinnen über Gut und Böse hervor, daß er selber in Verlegenheit geriet. Eine hemmungslose Leere eröffnete sich vor ihm, doch gleichzeitig durchleuchtete ein scharfes Gefühl von Klarheit und Freiheit, ähnlich dem, das den Schlafenden im Traum in die Lüfte hebt und fliegen läßt, wohin er will, für einen Augenblick sein Gehirn. Jurii erschrak. Mit angespannter Anstrengung sammelte er all die auseinanderfallenden, gewohnheitsmäßigen Ueberzeugungen und Begriffe und sofort verschwand wieder die überkühne und beängstigende Empfindung. Es wurde dunkel und verworren um ihn.

In dieser Minute wäre Jurii geneigt gewesen, einzugestehen, daß der Sinn eines echten lebendigen Lebens in der Ausübung seiner Freiheit liege, daß es natürlich und folgerichtig sei, seinen Genüssen zu leben. Selbst Rjäsanzew schien von dieser einheitlichen Erkenntnis eines primitiveren Standpunktes aus klarer und logischer, als Jurii selbst, schon allein dadurch, daß er möglichst vielen Geschlechtsgenüssen als den tiefgehendsten Lebensäußerungen nachstrebte. Aber nach einer solchen Ueberlegung müßte man auch zugeben, daß die Begriffe des Lasters und der Reinheit nichts als dürre Blätter sind, die frischer, keimender Graswuchs bedeckt, und daß selbst schamhafte keusche Mädchen wie Ljalja und Karssawina das Recht haben, sich frei in den Strudel sinnlicher Genüsse zu stürzen. Jurii scheute sich, diesen Gedanken zu bejahen, er schien ihm gemein und schmutzig. Er empfand Entsetzen über die Erregung, die sich seiner dabei bemächtigte, und suchte ihn durch altgewohnte, wuchtige Drohungen aus Kopf und Herz zu drängen. — Ja gewiß, dachte er, während er zum grundlosen, mit strahlendem Sternenstaub bedeckten Himmel aufblickte: Das Leben ist Empfindung, aber die Menschen sind keine unvernünftigen Tiere; sie müssen ihre Wünsche zum Guten lenken und sich nicht ihrer Gewalt unterwerfen. „Und wie, wenn es einen Gott dort über den Sternen gibt!“ erinnerte sich Jurii plötzlich und eine bange ehrfürchtige Stimmung drückte ihn zu Boden nieder. Er starrte auf den leuchtenden Stern im Schweif des großen Bären und unwillkürlich fiel ihm ein, daß der Bauer Kusma vom Gemüsegarten dieses majestätische Gestirn „Karren“ genannt hatte.

Diese Erinnerung kam ihm, ebenfalls unwillkürlich, unpassend und fast wie verletzend vor. Er blickte wieder in den Garten, der ihm, im Gegensatz zum Sternenhimmel, ganz schwarz erschien, und begann wieder zu grübeln. — Beraubt man die Welt der weiblichen Reinheit, welche den ersten jungen Blüten, die noch ganz schüchtern aber schon prächtig und rührend hervorgucken, so ähnlich ist, was wird dann noch Heiliges im Menschen bleiben?

Tausende von Mädchen, prächtig und rührend wie Frühlingsblumen, tauchten vor ihm im Sonnenschein, im Frühlingsgras, unter blühenden Bäumen auf. Zarte Brüste, runde Schultern, biegsame Arme, schlanke Hüften huschten, sich schamhaft und geheimnisvoll biegend, an seinen Augen vorbei und ein heißer Schwindel verwirrte in wollüstigem Entzücken seinen Kopf.

Jurii fuhr sich langsam mit der Hand über die Stirn und kam sofort wieder zu sich.

„Meine Nerven sind ganz kaput ... Ich muß mich in die Klappe legen.“

Unbefriedigt, verstimmt, immer noch durch die blitzartig erschienenen wollüstigen Phantasien erregt, ging er mit gegenstandsloser Wut, durch die alle Bewegungen heftige Formen annahmen, ins Haus.