Auch über den kulturhistorischen Wert des Romans habe ich kein eigentliches Sachverständigenurteil. Von Berufs wegen gehen mich die kulturellen Verhältnisse des modernen Rußland nichts an; was ich von ihnen weiß, stammt in der Hauptsache aus den Quellen, aus denen sich jeder andere Gebildete ebensogut wie ich über solche Dinge unterrichten kann, aus Zeitungen oder aus Gesprächen mit Leuten, die mehr davon zu wissen scheinen. So vermag ich nicht mit Sicherheit darüber zu urteilen, ob Ssanin wirklich, wie es in der Vorrede der deutschen Ausgabe heißt, die sexuelle Revolution in Rußland hervorgerufen hat, oder ob er nur ein künstlerisches Abbild von dieser Revolution gibt.

Daß jedoch die in ihm gekennzeichneten philosophisch sittlichen Anschauungen und Freiheiten des geschlechtlichen Lebens tatsächlich der Wahrheit entsprechen, steht nach den Berichten der Zeitungen außer Frage. Auch könnte ich mich dafür auf bestätigende Aeußerungen berufen, die eine der ersten Persönlichkeiten der Petersburger Universität, Staatsrat Th. v. Zielinski, hiesigen Freunden — namentlich auch dem Geheimrat Professor Dr. Crusius hier, dem ich den Roman zu rascher Lektüre gab, eben weil ich wußte, daß Zielinski gerade mit ihm über diese russischen Verhältnisse ausführlich gesprochen hatte; Crusius, einer der größten Kenner alter und neuerer Literatur, stimmt übrigens in allem Wesentlichen meinem Urteil über „Ssanin“ bei — gegenüber getan hat. Durch diese Wahrheit des Inhalts gewinnt der Roman Ssanin, gleichviel wie seine Bedeutung in Rußland selbst geschätzt wird, für uns deutsche Leser allerdings einen hohen kulturgeschichtlichen Wert; und insofern verdient er zweifellos ins Deutsche übersetzt zu werden. Daß er in Rußland verboten worden ist, kann dabei nicht in Betracht kommen. In Rußland wird manches von der Zensur unterdrückt, was bei uns als vortrefflich gilt. Den Roman Ssanin verbot man dort, weil man fürchtete, sein Inhalt möchte der dortigen Jugend gefährlich werden, weil man sah, daß diese Jugend die in dem Roman geschilderte freie Liebe und überhaupt die Lebensanschauung des Titelhelden in wildem Rausche praktisch zum Gesetz erheben wolle. Diese Gefahr besteht bei uns durchaus nicht, weil bei uns die ganze revolutionäre Gärung, überhaupt die politisch sozialen Voraussetzungen fehlen, die in Rußland solchen Bestrebungen die Wege bahnen.

Unbestreitbar aber verdiente „Ssanin“ auch um seines literarischen Wertes willen die Uebersetzung ins Deutsche. Mit großer Kraft und Kunst zeichnet der Verfasser eine Reihe von Personen lebenswahr und psychologisch sorgfältig in allen ihren Gedanken, Empfindungen, Reden und Handlungen individuelle Charaktere, die zugleich bedeutsame Typen der verschiedenen Arten von Menschen sind, mit nicht geringerer Kunst erzählt er eine Reihe von Vorgängen, die sich zu einem lebensvollen Gesamtbilde zusammenschließen, und trotz der Breite, mit der er das Meiste in ihnen ausmalt, trotz mancher ermüdenden Einförmigkeit der einzelnen Geschehnisse weiß er sehr wohl den Leser dichterisch anzuziehen, zu spannen und zu fesseln. Ohne falsche Ueberladung, aber anschaulich und wirksam schildert er bald die Natur, bald Einzelheiten aus dem sozialen Treiben. Ausführliche Gespräche über Religion, Christentum, philosophische Weltanschauung flicht er ein, um die wechselnden Gedanken und Bestrebungen der russischen Jugend genau zu beleuchten. Diese Gespräche erstrecken sich oft über Dutzende von Seiten; ihnen sind unter anderem die [Kapitel 23]-[25] ([S. 276]-[311]), [31]-[33] ([S. 378]-[409]) usw. gewidmet. Mehr als alles übrige beweisen diese umfangreichen und nicht immer gerade kurzweiligen Abschnitte, wie ernste Absichten der Verfasser mit seinem Roman verfolgte. Wer mit unreinen sinnlichen Begierden zu dem Buche greifen würde, den müßten diese Abschnitte unbedingt abschrecken. Er käme aber auch sonst wohl nicht auf seine Rechnung, obwohl von geschlechtlichen Regungen und Handlungen mehrfach in dem Roman die Rede ist. Was der Verfasser an solchen Stellen erzählt, das scheint mir meistens zur Charakteristik der Menschen und der Zustände, um die es sich handelt, künstlerisch und psychologisch geradezu notwendig; wie er es aber erzählt, beweist durchaus den vornehmen Schriftsteller, der rein sachlich, objektiv episch darstellt und von jeder Lüsternheit weit entfernt ist.

Ich gehe sogleich zu den einzelnen Stellen über, die in dem gerichtlichen Schreiben an mich vom 28. Dezember 1908 besonders hervorgehoben sind.

[S. 88]-[90]. Die Hingabe Lydas an Sarudin ist eines der Grundmotive des Romans, als solches daher unentbehrlich. Die Darstellung dieser Hingabe ist ganz sachlich, fast nüchtern, von jeder Beschönigung durch den Erzähler, von jeder lüstern schlüpfrigen Ausmalung frei; streng genommen wird nur das fieberhafte Verlangen Lydas vor dem Akt der Hingabe selbst charakterisiert und zwar durch kurze Andeutungen. Für kleine Mädchen und unreife Jüngelchen sind diese Andeutungen freilich nicht, der ausgewachsene, normal empfindende Leser aber kann in ihnen nichts Unsittliches entdecken.

[S. 94] u. [96]. Wo hier überhaupt etwas Unsittliches liegen soll, kann ich nicht herausbringen. Ebenso geht es mir bei [S. 211]-[213] und [465]-[466].

[S. 196]-[197]. Es handelt sich um die Charakteristik eines gemeinen Lüstlings, deren Berechtigung in einem Roman kein literarisch verständiger Mensch leugnen wird. Dieser Charakteristik dient die rohe Rede. Aber der Verfasser streicht selbst das roheste Wort und deutet es nur unbestimmt an, so daß es der Leser nicht einmal mit Sicherheit ergänzen kann. Er weicht hier also geradezu dem aus, was das Schamgefühl des Lesers verletzen könnte.

[S. 231]-[233] und [236]. Eine sittlich verwerfliche Anschauung wird von dem Helden des Romans ausgesprochen, den der Dichter aber keineswegs als Ideal gezeichnet hat, dessen Gesinnungen er in keiner Weise billigt. Dabei werden verschiedene rücksichtslose Ausdrücke (z. B. das Wort „schwanger“) gebraucht, allein noch besonders hervorgehoben, daß diese unverblümte Rede die schuldige Hörerin aufs tiefste beschämte. Wie diese Stellen aber das Sittlichkeitsgefühl des normal empfindenden Lesers verletzen sollen, ist mir unfaßbar.

[S. 246]-[248]. Ssanins Worte sind roh, aber ohne jeden lüsternen, geschlechtlich erregenden Sinn. Die künstlerische Wahrheit erforderte übrigens gerade hier unbedingt die Roheit des Ausdrucks, und die gröbste Stelle in Ssanins Rede ([S. 248]) ist vom dichterischen Standpunkt aus ebenso notwendig wie etwa die Schimpfwörter, die der sterbende Valentin in Goethes „Faust“ ausstößt.

[S. 316]-[318]. Wieder handelt es sich um die Charakteristik zweier elender Gesellen, die der Verfasser überdies wiederholt als schamlos bezeichnet. Ganz objektiv nüchtern berichtet er über ihre gemeinen Reden, die er verurteilt, deutet aber von diesen Reden nur das Nötigste an, und läßt ihre unzüchtig-witzige Pointe nicht einmal ahnen. Die Stelle ist geradezu ein Beweis dafür, daß er nichts weniger als lüstern wirken will, sonst hätte er von dem Gespräch der erbärmlichen Patrone, sogar mit einem Schein von künstlerischer Berechtigung, viel mehr mitteilen können. Was er sagt, ist kaum unsittlicher als was bei einer Verhandlung über seinen Roman im Gerichtssaal Ankläger und Verteidiger auch sagen müßten. Denn auch aus seinen Worten klingt überall der sittliche Ernst heraus; sein sittliches Urteil schwankt nicht einen Augenblick, hier so wenig wie an anderer Stelle des Romans.