[S. 419]-[421]. Das Gespräch der zwei Männer, ob man eine nackte Frau betrachten dürfe oder nicht, ist rein theoretisch, von jeder Roheit oder Niedrigkeit frei, die folgende Szene aber, wie beide die badenden Mädchen beobachten, ist so einfach, fast naiv, jedenfalls dichterisch so hübsch, daß sie einen gebildeten, rein empfindenden Leser ebenso wenig verletzen kann, wie etwa ein schönes Gemälde, das eine nackte Frau zeigt. Jede unsittliche Wirkung ist hier ausgeschlossen, wenn die Phantasie des Lesers nicht an sich schon verdorben ist.
[S. 430] u. [435]. Rein sachlich, ohne Lüsternheit von seiten des Schriftstellers, wird hier ausgesprochen, daß sich in die Liebesgedanken Juriis auch sinnlich begehrliche Vorstellungen einmischen. Solange nicht bewiesen wird, daß so etwas bei einem jungen Mann, der von wirklicher Liebe erfüllt ist, niemals vorkommt, kann ich das Anstößige oder Verwerfliche dieser Darstellung nicht verstehen.
[S. 439]-[443] und [470]-[473]. Sinnlich geschlechtliche Vorgänge werden hier allerdings dargestellt, aber in sachlicher, nüchtern objektiver Weise ohne lüsterne Zutat. Die Vorgänge selbst sind im Gefüge des Romans unentbehrlich; die Form der Darstellung aber kann nicht unzüchtig wirken, weil sie einen rein geschichtlichen Charakter trägt. Wollte man um dieser Szenen willen das Buch verurteilen, so müßte man vorher zahllose Werke alter und neuer Literatur verbieten, so z. B. allerlei griechische, lateinische, italienische, französische, englische, ältere wie moderne deutsche Dichtungen berühmter Autoren, besonders auch mehrere Erzählungen Wielands und Heinses, die viel reicher an ähnlichen, nur zwanzigmal sinnlicheren Stellen sind als der Roman „Ssanin“.
[S. 494]. Auch hier fehlt jede Lüsternheit in dem geschichtlich nüchternen Bericht, von Unsittlichkeit kann keine Rede sein.
Ueberblicke ich alle diese Stellen auf einmal und fasse zugleich den Sinn und Inhalt des ganzen Romans zusammen, so kann ich nirgends etwas wahrnehmen, was als unzüchtig gelten könnte. Regungen einer starken Sinnlichkeit werden in den Personen des Romans geschildert, entsprechend den kulturgeschichtlichen und sozialen Absichten, die der Verfasser als künstlerischer Darsteller der modernen russischen Jugend verfolgt. Das Buch ist somit keine Lektüre für unreife Leser, für Kinder oder für Ungebildete. Solche könnten sich allerdings an einzelne unverstandene Szenen halten und dann allerlei Anstoß daran nehmen; die Schuld daran trüge aber nur ihr eigener literarisch und moralisch nicht genügend ausgebildeter Geist. Normal empfindende Leser, die auch die nötige künstlerische Bildung besitzen, können meines Erachtens unmöglich in ihrem Scham- und Sittlichkeitsgefühl durch diesen Roman verletzt werden; solche Leser werden vielmehr die Anklage und eine etwaige Verurteilung des Romans, wenn diese aus mir unbekannten juristischen Gründen möglich sein sollte, nicht verstehen können.
gez. Dr. Franz Muncker.
8. Gutachten
des kgl. Oberstudienrats J. Nicklas in München.
Der Roman „Ssanin“ von Artzibaschew ist nach meiner Meinung eine Publikation ohne künstlerischen bezw. literarischen Wert. Das Werk, das die jetzige Jugend Rußlands schildern will, wie sie von revolutionären Ideen und Handlungen zur Erotomanie überging, entbehrt vor allem des Rückgrates eines jeden literarischen Kunstwerks, der Handlung und der Charaktere. Der Verfasser läßt seine „Helden“, die mit Ausnahme des Egoisten Ssanin blasierte, abgelebte, lüsterne, erbärmliche junge Leute sind, lediglich Zigaretten rauchen, in breiter, selbstgefälliger und geschwätzigster Weise ohne tiefere Kenntnis der Welt über alles mögliche, namentlich über ihre weltschmerzlichen Gefühle Raisonnements anstellen; da sie sich in ihrem überreizten Empfinden in der Welt nicht zurechtfinden und keinen Begriff von der Bedeutung der Pflicht und der Arbeit haben, gefallen sie sich fortgesetzt in nichtigen Gefühlsentladungen und suchen den Wert des Lebens in der Befriedigung sexuellen Genusses. Nur die Darstellung der psychologischen Vorgänge in der Brust der gefallenen Mädchen Lyda und Karssawina erhebt sich zu einer gewissen literarischen Bedeutsamkeit.
Die Uebersetzung ist in fließender und gewandter Sprache gegeben, wenn sie auch nicht immer frei ist von Inkorrektheiten.
Eine kulturhistorische Bedeutung, wie sie etwa Goethes „Werthers Leiden“ hat, oder gar einen wissenschaftlichen Wert kann ich dem Buche nicht beimessen; denn auch ohne diesen Roman hat die Welt Kenntnis von den gegenwärtigen soziologisch wichtigen Verhältnissen Rußlands und von seiner Jugend. Diese Bedeutung kann das Werk schon deshalb nicht haben, weil das Geschlechtsproblem nicht in ernster, zurückhaltender und taktvoller Weise behandelt ist, sondern weil die Absicht des Verfassers immer wieder allzu deutlich hervortritt, unter dem Deckmantel künstlerischer Offenbarung auf den Kitzel niedriger Sinnlichkeit und auf gemeine und teilweise perverse Instinkte zu spekulieren. Geradezu abstoßend, ekelerregend und schamlos sind die unflätigen Szenen, in denen ausführlich, eingehend und mit breiter Behaglichkeit dargestellt wird, wie Sarudin gegenüber Lyda, sowie Jurii und besonders Ssanin dem Mädchen Karssawina gegenüber sich benehmen. ([S. 211 ff.], [430 ff.], [439 ff.], [470 ff.])