Diese Darstellungen haben mit Kunst gar nichts zu schaffen, da sie nicht die mindeste ästhetische Befriedigung hervorrufen und himmelweit entfernt sind von einer Erhebung zu höherer sittlicher oder ästhetischer Auffassung; sie gehen nur darauf aus, die Lüsternheit zu erwecken.
Schon diese Stellen allein würden das Urteil rechtfertigen, daß das Buch geeignet ist, eine Verwirrung in die Vorstellungen von Sittlichkeit zu bringen; aber auch noch viele andere Partien sind geeignet, die normalen sittlichen Empfindungen der Leser zu verletzen. ([S. 233], [248 ff.], [311], [316 ff.], [338], [419 f.], [494].)
Auch das Vorwort, besonders [S. VIII], wo von der Organisation der Ssaninisti und von Verbindungen zum freien Geschlechtsgenuß unter Gymnasiasten und Gymnasiastinnen die Rede ist, ist angetan, die Jugend sittlich zu gefährden; es ist dies umsomehr zu befürchten, als anzunehmen ist, daß das Buch, falls es frei gegeben würde, besonders von der Jugend gelesen werden würde.
Die Rücksicht auf die körperliche und seelische Gesundheit unserer Jugend verlangt gebieterisch, die deutsche Jugend vor der Lektüre solcher literarischer Erzeugnisse zu schützen, und zwar umsomehr, als die Welt nichts verliert, wenn das in Rußland beschlagnahmte Buch auch in Deutschland verboten wird.
München, 15. Januar 1909.
gez. J. Nicklas, K. Oberstudienrat.
9. Gutachten
des Dr. H. Schneegans, Univ.-Professor, Würzburg.
Dem mir im Schreiben des kgl. Untersuchungsrichters E. A.-V.-Z. VII 610-08 Tab. Nr. 73/08 E. vom 28. Dezember 1908 auferlegten Auftrage, ein Gutachten abzugeben „über den literarischen und kulturhistorischen Wert des Romans „Ssanin“ von Artzibaschew, über die wissenschaftliche Bedeutung der Behandlung erotischer Fragen in ihm und die Güte der Uebersetzung, sowie darüber, ob die Darstellung geschlechtlicher Vorgänge (s. insbesondere [S. 88]-[90], [94], [96], [196]-[197], [211]-[213], [231]-[233], [236], [246]-[248], [316]-[318], [419]-[421], [430], [435], [439]-[443], [445]-[446], [470]-[473], [494]) durch die vorherrschenden wissenschaftlichen Zwecke dermaßen in den Hintergrund gedrängt wird, daß das Scham- und Sittlichkeitsgefühl des normal empfindenden Lesers nicht verletzt wird“, erlaube ich mir im folgenden nachzukommen.
Zunächst glaube ich feststellen zu müssen, daß nach meiner Ansicht im Roman von einer wissenschaftlichen Bedeutung oder Tendenz keine Rede sein kann. Ich wüßte nicht, welche „wissenschaftlichen Zwecke“ hier vorherrschen sollten. Eine wissenschaftliche „Belehrung“ über erotische Fragen will der Roman nicht geben. Er ist nicht wissenschaftlicher als irgend ein anderer Roman. Es wäre ein ungerechtfertigter Mißbrauch, wenn er diesen Namen beanspruchen wollte. Eine andere Sache ist es natürlich, ob man vielleicht in späterer Zeit aus der Darstellung erotischer Vorgänge, resp. der Erörterung erotischer Fragen in diesem Roman für eine Kulturgeschichte Rußlands im zwanzigsten Jahrhundert Nutzen wird ziehen können. Das glaube ich allerdings, doch gilt das mutatis mutandis von jedem kulturgeschichtlich interessanten Roman.
Was die literarische Bedeutung des Romans betrifft, so ist er an und für sich als dichterische Komposition nach meinem Dafürhalten keine hervorragende Leistung. Die ziemlich lose aneinander gereihten Bilder der Liebesverhältnisse mäßiger russischer Kleinstädter vermögen kein sonderliches ästhetisches Interesse zu erwecken. Es fehlt dem Roman an Geschlossenheit der Handlung und an der Erzählung einer spannenden Begebenheit, die Personen sind nicht alle scharf gezeichnet, einige Nebenfiguren heben sich nicht von den andern ab. Im schönsten gelungen ist die Schilderung der Naturvorgänge und am tiefsten die Darstellung der psychischen Zustände der einzelnen Personen.