Die wirkliche Bedeutung des Romans ist aber gewiß nach der kulturgeschichtlichen Seite zu suchen. Darüber sagt treffend das Vorwort [S. VIII]: „Man wird die gegenwärtige Epoche, also die, welche die revolutionäre ablöste, psychologisch und soziologisch nicht beurteilen können, ohne den Ssanin als ihren charakteristischen Niederschlag in den Mittelpunkt der Betrachtung zu ziehen.“ Nach dem Scheitern der Revolution zog sich die „Intelligenz“ in Rußland, wie aus [S. X], [XI] hervorgeht, von der Politik zurück. „Man suchte nach dem Neuen.“ Dieses Neue fand man, wie es scheint, in der praktischen Ausübung der freien Liebe. „Man sah, daß es Gebiete des täglichen Lebens gab, die, trotzdem sie polizeilich nicht strafbar, doch ganz annehmlich waren. Aber niemals hätte man diesem Beispiel zu folgen gewagt, wenn nicht in diesem Zeitpunkt das erlösende „Wort“ für die unbewußten Empfindungen gesprochen worden wäre.“ Dieses Wort sprach Ssanin aus. Deshalb gilt nach dem Vorwort Artzibaschew als der charakteristische Vertreter des heutigen Rußland. Der Roman scheint ungeheuren Anklang gefunden zu haben, da nach kurzer Zeit die 10000 Exemplare der ersten Auflage vergriffen waren. „Für jeden gesunden Menschen,“ heißt es im Vorwort [S. XII] „ist in einem Lande, wo die geistige Bewegungsfreiheit vollständig eingeengt ist, die sexuelle Schmackhaftigkeit die zureichendste. Hierin nun kommt Ssanin den oben erwähnten sozialen Unterströmungen entgegen und weist ihnen den offenen Weg.“ Wenn das in der Tat in Rußland zutrifft, so bedeutet das für die russische Gesellschaft zugleich den Bankerott in sittlicher und infolgedessen auch in politischer Beziehung. Deshalb dürfte in letzterer Hinsicht das Buch weit entfernt sein, eine Gefahr für die russische Regierung zu bedeuten. Die schwachen, jedem Liebestaumel sofort erliegenden und bei jeder Schwierigkeit zum Selbstmord als letzter Zuflucht greifenden Menschen, die der Roman darstellt, sind keine Revolutionäre, die den Staat in irgend welche Gefahr stürzen könnten. Ssanin, der „Held“ des Romans, ist ein blasierter, gleichgültiger, kalter Egoist. Er hat so wenig Pietät gefühlt, daß er z. B. seine Mutter als Idiotin bezeichnet, er hat so wenig Sinn für Freundschaft, daß er auf dem Grabe eines Freundes, dem er die Geliebte geraubt hat, als man ihn bittet, auf ihn eine Grabrede zu halten, antwortet: „Was ist hier zu reden? Die Welt ist um einen Dummkopf ärmer geworden, das ist alles“; er ist so frei von moralischen Bedenken, daß er z. B. seiner schwangeren Schwester den Rat erteilt, sie möchte die Frucht ihres Leibes abtreiben. Den höchsten Zweck der Menschheit erblickt er in folgendem: Er träumt „immer von der glücklichen Zeit, wo zwischen den Menschen und dem Glück nichts mehr stehen wird, wo der Mensch sich frei und furchtlos allen ihm zugänglichen Genüssen hingeben kann ... Die Menschen sollen die Liebe genießen ... ohne Furcht und Entsagung ... ganz schrankenlos ... Und dann werden sich auch alle Formen der Liebe in eine endlose Kette von Zufälligkeiten, Ueberraschungen und Verbindungen erweitern“. [S. 469]. Und diese Freiheit gilt nach diesem russischen Evangelium ebenso für die Frauen wie für die Männer. Heißt es doch nach [S. 179]: Entweder müsse man „ewige Keuschheit bewahren oder sich und auch der Frau natürlich volle Freiheit gewähren, um sich dem Genuß der Liebe und Leidenschaft voll und ganz hinzugeben.“ So werden wir uns nicht wundern, daß Ssanin dem Liebhaber seiner Schwester Nowikow gegenüber es zu rechtfertigen sucht, daß sie sich einem andern Mann vorher hingegeben hat. Es sei nicht schlimmer, als wenn er eine Frau vorher geliebt habe. Und diesem Gedanken gibt er den drastischen Ausdruck: „Wie oft bist du auf dem Bauch irgend einer Hure herumgerutscht, hast dich geil vor Gier gewunden, betrunken und schmutzig wie ein Hund.“
Aus dieser Stelle mag sogleich hervorgehen, wie kraß die Ausdrucksweise des Buches ist. Daß ein Roman, der in Liebesfragen eine so vollständige Freiheit predigt, auch in der Schilderung erotischer Dinge kein Blatt vor den Mund nimmt, ist selbstverständlich. Freilich einige der oben als das sittliche Gefühl besonders verletzenden angeführten Stellen sind im Ausdruck nicht so sehr derb. (S. [94], [96], [196]-[197], [211]-[213], [430], [435], [465]-[466], [494].) — Dagegen sind die Stellen [88]-[90], [316]-[318], [419]-[421], [439]-[441], [472] recht kräftig. Immerhin sprechen sie nicht in unverhüllterer Weise von erotischen Dingen als zahlreiche Stellen in den Romanen Zolas (so in Nana, Pot Bouille, Germinal, Fécondité, oder in Daudets Sapho, oder in zahllosen anderen französischen Romanen, die in aller Händen sind. Ob obige Stellen das Scham- und Sittlichkeitsgefühl des normal empfindenden Lesers verletzen, ist sehr schwer zu sagen. Einem in der modernen Literatur nur einigermaßen bewanderten Leser werden sie nicht besonders auffallen. In der antiken Literatur oder der Renaissanceliteratur aller Kulturvölker, namentlich Italiens und Frankreichs, finden sich Stellen, die noch viel freier von der physischen Liebe reden. Eine Lektüre für die heranwachsende Jugend ist das Buch natürlich nicht. Doch ist es weniger die Darstellung erotischer Vorgänge, als die Predigt einer ganz schrankenlosen, über jedes sittliche Bedenken sich hinwegsetzenden egoistischen Liebe — oder um dieses schöne Wort nicht zu entwürdigen, Befriedigung niederer Instinkte —, die auf die Jugend verderblich wirken könnte. Ein in seinen Grundsätzen nur einigermaßen gefestigter Leser wird das Buch viel eher als „document humain“ auffassen und auf die wenig interessanten Persönlichkeiten des Buches das Wort Dantes anwenden: Non ragioniam di lor, ma guarda e passa. (Sprechen wir nicht von ihnen; schau sie an und gehe deines Weges).
Was endlich die Uebersetzung anlangt, so ist über die Güte derselben ein wissenschaftliches Urteil nicht abzugeben, wenn man nicht das Original zum Vergleich daneben hält. Uebrigens wäre es mir gegebenenfalls nicht möglich, diesen Vergleich anzustellen, da ich kein Russisch verstehe. So kann ich denn nur im allgemeinen sagen, daß die Uebersetzung sich leicht und flüssig liest. Nur einige Ausdrücke fielen mir auf, die sich deutsch merkwürdig ausnehmen. So S. [11], wenn von dem „gedunsenen, aber gut gebauten und kräftigen Körper“ die Rede ist, oder den Ausdruck S. [24] „Als Lyda an den Männern vorüberschritt, zog sie den ganzen Körper ein wenig an“ oder S. [48] wenn vom „versterbenden Tag“ gesprochen wird, oder S. [242] „Was gehst du denn gleich in die Höhe?“ statt „springst du“ oder etwas ähnliches.
Damit meine ich auf alle Punkte, über die ich befragt worden bin, eine Antwort erteilt zu haben. Eines kgl. Landgerichts hochachtungsvoll ergebener
gez. Dr. H. Schneegans, Kgl. Univ.-Professor.
10. Gutachten
von Wilhelm Weigand.
Der Aufforderung des K. Landgerichts München 1. ein Gutachten über den russischen Roman „Ssanin“ von Artzibaschew (übersetzt von André Villard und S. Bugow, Georg Müllers Verlag) abzugeben, komme ich hiermit nach.
Ich möchte gleich bemerken, daß ich das Einschreiten des Staatsanwalts gegen das Buch für einen ganz entschiedenen Mißgriff halte. Man mag über den dichterischen Wert des Romans verschiedener Meinung sein; aber die große kulturhistorische Bedeutung des Buches steht außer Frage. Das ganze gebildete Lesepublikum Europas ist darüber einig. Der Roman „Ssanin“ ist ein hochbedeutendes Dokument des gegenwärtigen russischen Lebens, auf das der Betrachter und Forscher immer wieder zurückkommen wird, schon weil sein Einfluß und seine Wirkung historisch geworden sind. Er nimmt eine ähnliche Stellung ein, wie sie Turgenjeffs Roman „Väter und Söhne“ für die ältere Generation in Rußland hatte. Ich gestehe, daß ich viele Momente des gegenwärtigen geistigen Lebens in Rußland erst nach der Lektüre dieses Buches verstanden habe. Der Autor zeigt, wie die Kontre-Revolution auf die sogenannten Intellektuellen gewirkt hat; er zeigt, wie die westeuropäische Naturwissenschaft (Darwin, Haeckel) und die Ideen Nietzsches auf die Jugend wirken. Der Einfluß, den der Roman in Rußland hatte und auch in der Presse vielfach erörtert wurde, ist bezeichnend für die Krise, die die russische Gesellschaft gegenwärtig durchmacht. Die Wirkung, die das Buch in Rußland hatte, ist für Deutschland und Westeuropa ausgeschlossen.
Ueber den dichterischen Wert des „Ssanin“ kann man, wie gesagt, verschiedener Meinung sein; er ist nicht so groß wie der kulturhistorische. Der Held ist eine konstruierte Gestalt. Er ist mehr dazu da, die anderen zu treiben, als daß er selbst handelnd eingriffe. Das ist echt russisch. Das Buch ist ferner, wie die meisten russischen Romane, nicht besonders gut komponiert, aufgebaut. Doch dies sind Fragen, die nur insofern zur Erwägung stehen, als sie die Frage nahe legen, ob der Roman für Massenabsatz geeignet ist. Es fehlt aber durchaus nicht an sehr schönen dichterischen Stellen in dem Buch. Keinesfalls aber hat der Autor Zwecke verfolgt, die im Sinne unseres Strafgesetzbuches verfolgbar wären. Die Stellen, die durch die Darstellung geschlechtlicher Vorgänge auf das Scham- und Sittlichkeitsgefühl des Normallesers verletzend wirken sollen, sind im Verhältnis zu dem dickleibigen Roman gar nicht zahlreich. Einen sogenannten Normalleser, der von dem Staatsanwalt namhaft gemacht wird, kenne ich allerdings nicht. Es kann, wie jeder ohne weiteres zugeben wird, sehr wohl sein, daß sich einzelne Leute, die gewissen Kulturschichten angehören, durch die inkriminierten Stellen verletzt fühlen; aber es gibt hundert Meisterwerke der Weltliteratur, von denen man dasselbe sagen kann: Goethe, Shakespeare, um nur die Größten zu nennen, bieten Gelegenheit zu derartigen Schnüffeleien. Der Autor ist ferner durch die Schilderung erotischer Vorgänge in keiner Weise aus dem künstlerischen Ton des Buches herausgefallen, es ist einheitlich. Er unterstreicht nichts, um der Sensation willen. Er gibt nur das Nötigste. Er treibt Psychologie als Russe, und wir wissen, in welcher Weise die großen russischen Romandichter die analytische, oder sagen wir, zerfasernde Methode lieben. Als Künstler konnte er die psychologische Zergliederung der erotischen Momente gar nicht außer acht lassen, und er hat es ohne jede Nebenabsichten getan.
Ich wiederhole noch einmal, daß sich das Buch an Intellektuelle wendet. Nur für solche kann der Roman Interesse haben; denn stofflich ist er nicht allzu reizend für europäische Leser, und schon dadurch, daß er sich an das gebildete Publikum wendet, ist die Gefahr, daß er demoralisierend wirken könne, ganz ausgeschlossen. Wohin kommen wir, wenn schon solche Dokumente der Zeit nach Einzelheiten beurteilt werden, die eine reine Geschmacksfrage, aber keine Moralfrage sind!