„Das ist natürlich schlimm,“ fuhr Ssanin mit weicher, fast lautloser Stimme fort. „Erstens, ... es ist eine furchtbar langweilige Geschichte, Kinder in die Welt zu setzen, ... schmutzig und sinnlos. Zweitens, die Leute werden dich dann zu Tode hetzen ... Und das wird wohl die Hauptsache sein! Lydotschka, du meine kleine Lydotschka,“ fiel sich Ssanin selbst in stürmischem Aufwallen schöner, zarter Empfindungen ins Wort. „Niemandem hast du doch etwas Böses getan, und wenn du selbst ein Dutzend Göhren zur Welt brächtest; — Herrgott, kein andrer hat Unannehmlichkeiten davon als du.“
Ssanin schwieg still und biß nachdenklich auf den Schnurrbart; die Arme hielt er auf der Brust verschränkt.
„Ich würde dir sagen, was du machen sollst, aber dazu bist du zu schwach und dumm ... Dafür reicht dein Mut nicht aus. Aber auch zu sterben lohnt sich nicht. Sieh nur, wie schön alles ist. Sieh, wie die Sonne leuchtet, sieh, wie das Wasser fließt. Stelle dir doch vor, daß man nach deinem Tod erfährt, du wärest schwanger gewesen. Was geht es dich dann an. Folglich stirbst du nicht, weil du schwanger bist, sondern nur weil du die Menschen fürchtest. Weil du Angst davor hast, daß sie dir keine Ruhe lassen. Das Entsetzliche deines Unglücks besteht nicht darin, daß es an und für sich ein Unglück ist; nein, nur darin, daß du es zwischen dich und dein Leben stellst. Und du denkst dir, es gäbe nichts weiter hinter ihm. Du fürchtest dich doch nicht vor den Menschen, die dich nicht kennen; natürlich nur vor denen, die dir am nächsten stehen. Und am meisten vor allen, die dich lieben. Und für die ist dein Fall ein schwerer Schlag, aber nur, weil, weil er nicht auf dem Ehebett, sondern irgendwo im Wald auf dem Grase oder sonstwo vor sich ging. Die werden doch nicht zögern, dich für deine Sünde zu bestrafen, — was kann dir also noch an ihnen liegen? ... Du siehst, sie sind dumm, grausam und philisterhaft, — warum sich also quälen und in den Tod gehen, weil dumme, abgeschmackte, grausame Menschen existieren ...“
Lyda richtete weit geöffnete, fragende Augen auf ihn; in ihrem Blick sah Ssanin einen Funken von Verständnis aufblitzen.
„Was kann ich aber sonst tun? ... Was kann ich tun? ...“ sagte sie schwermütig.
„Zwei Auswege hast du vor dir: entweder du machst dich von diesem Kinde frei ... dieses Geschöpf fehlt ja noch niemandem auf der Welt; seine Geburt wird auch niemandem etwas anderes als Schaden bringen ...“
Schwere Angst zeigte sich in Lydas Augen.
— — — „Es ist vielleicht grausam, ein Wesen zu töten, das bereits die Freude des Lebens und den Schrecken des Todes verstanden hat, aber einen Keim zu töten, ein sinnloses Klümpchen von Blut und Fleisch ...“
In Lyda entstand ein sonderbares Gefühl. Zuerst eine prickelnde Scham, als wenn man sie bis zur Nacktheit entkleidet und mit groben Fingern in den tiefsten Geheimnissen ihres Körpers gewühlt hätte. Sie fürchtete, den Bruder anzusehen, damit sie beide nicht vor Scham vergingen. Aber die grauen Augen Ssanins blinzelten garnicht; sie sahen scharf und klar vor sich; seine Stimme klang ruhig und fest, es war, als spräche er über die selbstverständlichsten und gewöhnlichsten Dinge. Unter der Unbeweglichkeit dieser Worte zerfloß die Scham; sie verlor ihre Schärfe, ja fast ihren Sinn. Lyda sah den tiefen Grund in diesen Worten und fühlte, daß sie jetzt jede Angst überwunden hatte. Dann, über die Schärfe ihres Denkens erschreckt, faßte sie sich mit Verzweiflung an die Schläfen; die Aermel ihres Kleides schwangen sich wie die Flügel eines aufgestörten Vogels.
„Ich kann es nicht, kann nicht,“ fiel sie ihm ins Wort. „Vielleicht ist es auch so, ... möglicherweise ... aber ich kann es nicht ... es ist zu entsetzlich.“