„Nun, wenn du es nicht kannst, ... was ist da zu tun,“ sagte Ssanin, vor ihr niederknieend, und zog ihre Hände still vom Gesicht ab. „Dann werden wir es verheimlichen. Ich werde es dahin bringen, daß Sarudin von hier abreist und du ... heiratest Nowikow und wirst glücklich werden ... Ich weiß sicher, wenn nicht diese hübsche Bestie von Offizier gekommen wäre, würdest du Nowikow lieb gewonnen haben ... Sicher wäre es dazu gekommen.“
Bei dem Namen Nowikow schwang sich etwas Helles und Liebes wie ein lichter Strahl durch Lydas Seele. Weil sie durch Sarudin so unglücklich geworden war, weil sie fühlte, daß Nowikow sie niemals dahin gebracht hätte, erschien ihr eine Sekunde lang das Ganze als ein einfacher und leicht gutzumachender Irrtum, aus dem alles Entsetzliche verschwinden müsse: Sogleich wird sie aufstehen, gehen, ein paar Worte sprechen und lächeln; und gleich wird sich das Leben wieder in seinen leuchtenden Sonnenfarben vor ihr entfalten. Wieder wird sie frei atmen dürfen, wieder lieben, nur um vieles besser, stärker und reiner. Doch sofort erinnerte sie sich, daß die Hoffnungen zwecklos wären, da sie bereits durch die unwürdige, sinnlose Hingabe beschmutzt und zerknüllt sei, wie ein Fetzen Papier. Ein ungewöhnlich grobes Wort, das ihr kaum bekannt und niemals von ihr gebraucht war, trat ihr plötzlich ins Bewußtsein. Mit diesem Ausdruck brandmarkte sie sich wie mit einer schweren Ohrfeige in schmerzhafter Wollust; sie erschrak vor sich selbst.
— — — Herrgott, aber ist es wirklich schon so weit? ... Bin ich denn solch eine. Ja, gewiß, so eine. Ganz genau so. Hier zeigt es sich.
„Was sprichst du da? ...“ flüsterte sie verzweiflungsvoll ihrem Bruder zu und schämte sich ihrer wie immer klangvollen und schönen Stimme.
„Und was denn sonst? ...“ fragte Ssanin zurück. Er schaute von oben herab auf ihre schönen in Unordnung geratenen Haare und den gesenkten weißen Nacken, auf dem ein leichter goldiger Tupfen Sonnenlichts, der durch die Blätter hindurchgefallen war, schwankte.
Ihm wurde allmählich ängstlich zumute, daß es ihm noch nicht gelungen war, sie zu überreden und daß dieses schöne, sonnige Mädchen, welches so vielen Glück zu geben vermochte, in sinnlose Leere versinken sollte.
Lyda schwieg hilflos. Sie strengte sich an, in sich die herbeigesehnte Hoffnung zu ersticken, die gegen ihren Willen ihren ganzen Körper erfaßt hatte. Ihr schien, daß es nach dem Geschehenen nicht nur beschämend wäre, weiterzuleben, sondern daß allein schon der Wunsch nach dem Leben unrecht war. Aber ihr starker, glutvoller Körper stieß diese schwächlichen Gedanken wie ein Gift von sich und wollte die verkrüppelten, mißgeborenen Kinder nicht als die Seinen anerkennen.
„Warum schweigst du denn,“ fragte Ssanin.
„Das ist doch unmöglich ... das wäre gemein ... ich ...“
„Hör mit dem Unsinn auf,“ erwiderte er mißvergnügt.