Lyda schielte wieder mit ihren schönen Augen voll Tränen und verborgenen Wünschen auf ihn. Ssanin blieb still, riß an einem kleinen Zweig, bis er abbrach und warf ihn von sich.
„Gemein, gemein,“ wiederholte er. „Dich hat wohl furchtbar überrascht, was ich dir vorschlug ... Weshalb? ... Glaube, weder du noch ich, wir werden beide auf diese Frage keine bestimmte Antwort geben können. Und wenn wir selbst eine fänden; es wird doch keine rechte sein ... Ein Verbrechen? ... Was ist denn ein Verbrechen? ...“
„Wenn die Mutter bei der Geburt vom Tode bedroht wird, so ist es kein Verbrechen, ein bereits lebendes Kind, das jeden Augenblick losbrüllen will, in Stücke zu schneiden, zu vierteilen, ihm den Kopf mit einer stählernen Zange zu zerdrücken. Es ist eben nur eine unglückliche Notwendigkeit. Und einen unbewußten physiologischen Prozeß, irgend etwas noch nicht Existierendes, irgend eine chemische Reaktion, einzuhalten, das ist ein Verbrechen, etwas Entsetzliches, ja ... Ein Verbrechen! Obgleich das Leben der Mutter davon genau so gut abhängt und sogar noch etwas größeres als ihr Leben ... ihr Glück. Warum das eigentlich! Niemand kann darauf eine Antwort geben, aber alle brüllen Bravo ...“ Ssanin lächelte. „Ja, so sind sie, die Menschen, so machen sie sich irgend ein Schemen, ein Gesetz, eine Fata Morgana und leiden darunter ... Und dann schreit man noch ... Der Mensch, das ist was herrliches, ist erhaben, unbegreiflich, ... ein Mensch ist ein König ... Ein König der Natur, der niemals zum Herrschen kommt ... Immer fürchtet er sich vor seinem Schatten ...“
Ssanin schwieg eine Weile.
„Aber im Uebrigen handelt es sich ja garnicht darum. Du sagst ... Niederträchtig ... Nun, ich weiß nicht, ... vielleicht. Aber wenn man jetzt Nowikow von deiner Geschichte erzählte, wird er ein tragisches Drama durchleben, sich vielleicht erschießen, aber, er wird doch nicht aufhören, dich zu lieben. Und er wird selbst daran Schuld haben, weil er eben an demselben Aberglauben leidet. Vor der Oeffentlichkeit wird er das natürlich nicht zugeben. Wenn er wirklich vernünftig wäre, würde er sich gar nicht darum kümmern, daß du schon mit irgend jemandem zusammengelegen hast. Weder dein Körper noch deine Seele sind dadurch im Geringsten schlechter geworden. Herrgott, eine Witwe zum Beispiel würde er doch ohne weiteres heiraten. Also offenbar handelt es sich garnicht um die Tatsache; es liegt einfach an der Konfusion, die in seinem Kopfe herrscht. Und du? ... Ja, wenn die Menschen nicht anders können, als nur einmal zu lieben, ja, dann würde wohl bei dem Versuch, es ein zweites Mal zu tun, nichts herauskommen. Es müßte nur schmerzhaft, unbequem, abscheulich sein. Aber das ist doch nicht im geringsten der Fall. Alles ist gleich angenehm und vergnüglich. Du wirst Nowikow lieben ... oder — liebst du ihn wirklich nicht? Weißt du, so reise doch mit mir mit, Lydotschka! Man kann doch überall leben.“
Lyda seufzte, und strengte sich an, aus ihrem Innern etwas Schweres fortzustoßen.
— — — und vielleicht wird wirklich alles wieder gut. Nowikow ... er ist doch lieb, gut ... und auch hübsch ... Aber nein, ich weiß nicht ...
„Und welchen Zweck hätte es nun gehabt, wenn du dich wirklich ersäuft hättest. Gut und Böse würde weder Gewinn noch Verlust dadurch haben, nein, nur Schleim würde deiner aufgedunsenen, formlosen Leiche ankleben, dann würde man dich herausziehen und einbuddeln, ... weiter nichts.“
Vor Lydas Augen tat sich eine grüne, unheimliche Tiefe auf, schleimige Fäden, Streifen, Blasen schlängelten sich in langsamen Windungen an sie heran; im selben Augenblick packte sie auch schon eine furchtbare Bangigkeit.
Nein, nein, niemals, ... lieber die Schande, Nowikow, — alles mögliche, nur nicht das! dachte sie erblassend.