„Da siehst du, wie du vor Grauen vollständig zusammenklappst.“
Lyda lächelte durch Tränen und dieses zufällige, eigene Lächeln erwärmte sie, als wenn es ihr bewiese, daß es noch möglich sei, zu lachen. ... Was auch sein mag, ich werde leben; — — sie dachte es mit leidenschaftlichem und fast triumphierendem Impuls.
„Na siehst du! ... Es gibt nichts Ekelhafteres, als Gedanken an den Tod. Solange man noch nicht vollständig fertig ist, nichts mehr vom Leben sieht und hört, lebe man weiter! Nicht? ... Na, gib doch das Pfötchen.“ Lyda reichte ihm ihre Hand und in ihrer scheuen, weiblichen Bewegung lag kindliche Dankbarkeit.
„Na, welch ein hübsches Händchen du doch hast! ...“
Lyda lächelte und schwieg.
Nicht die Worte Ssanins waren es, die die Veränderung in ihr hervorgerufen hatten. In ihr selbst pulsierte hartnäckiges und freies Leben. Eine Minute des Schweigens und der Schwäche spannten es nur noch stärker wie eine Saite an. Noch eine Bewegung und die Saite wäre geplatzt. Aber diese Bewegung kam nicht. Ihre ganze Seele sang noch lauter und klangvoller von Lebenslust und rücksichtsloser Kraft. Mit Entzücken und Verwunderung über die Frische, die ihr selbst seit langem nicht mehr bekannt war, lauschte Lyda auf sich und erfaßte in jedem Atom das mächtige, freudige Leben, das sie umflutete, das heraufbrauste aus dem Lichte der Sonne, dem grünen Grase, dem fließenden, von der Sonne tiefdurchtränkten Wasser, dem lächelnden, ruhigen Gesicht des Bruders und aus ihr selbst. Es schien ihr, daß sie das alles zum ersten Male in ihrem Leben sah und fühlte.
Lebe! — — Lebe! rief es betäubend und freudig in ihr.
„So, — so ist es gut,“ sagte Ssanin. „Ich helfe dir im Kampfe, in dieser schweren Zeit und du, — — gib du mir dafür einen Kuß, — — du bist so schön.“
Lyda lächelte schweigend, ihr Lächeln war unbestimmt. Ssanin legte die Hand um ihre Taille und, während er fühlte, wie sich ihr warmer, elastischer Körper in seinen sehnigen Armen dehnte und anschmiegte, zog er sie fest und überlegen an sich.
In Lydas Seele ging etwas Eigenartiges, aber unsäglich Angenehmes vor. Alles lebte in ihr und verlangte gierig nach einem noch stärkeren Leben. Ohne sich selbst Rechenschaft abzulegen, umschloß sie langsam den Nacken ihres Bruders mit beiden Armen und preßte, die Augen geschlossen, die Lippen zum Kusse zusammen. Als die heißen Lippen Ssanins lange und schmerzhaft die ihren küßten, fühlte sie sich unsäglich glücklich. In dem Augenblick kümmerte es sie nicht, wer sie küsse, so wie es der von der Sonne beschienenen Blume nicht darauf ankommt, wer sie bescheint.