„Nein, das kannst du nicht wissen,“ erwiderte Nowikow, während er sich mechanisch an Ssanins Seite setzte. Ihm erschien sein Zustand so ausnahmsweise schwer, daß niemand fähig sein konnte, ihn zu verstehen.
„Doch, ich weiß es,“ sagte Ssanin. „Nun, wenn du nicht glaubst — — bei Gott! Wenn du dich nicht mehr mit deinem alten Stiefel auf mich stürzen willst, werde ich sogar den Beweis antreten. Nun, wirst du nicht?“
„Nein, entschuldige, Wolodja,“ stammelte Nowikow, beschämt, daß er Ssanin mit dem Vornamen anredete, was er sonst nie tat. Ssanin gefiel es gerade und darum wurde in ihm der Wunsch, zu helfen und alles beizulegen, nur noch stärker.
„Höre zu, mein Lieber, wollen wir ganz klar sprechen,“ begann er, wobei er seine Hand auf Nowikows Kniee legte. „Du hast dich doch nur auf die Reise machen wollen, weil Lyda dich ablaufen ließ, und weiter, weil du damals bei Sarudin annahmst, daß sie gekommen wäre.“
Nowikow wurde finster. Ihm war es, als wenn Ssanin eine frische, unerträglich schmerzliche Wunde von neuem aufreiße. Ssanin sah ihn an und dachte sich ... Ach du liebes, dummes Viecherl, wie töricht bist du doch.
„Ich werde nicht versuchen, dir zu versichern,“ fuhr er fort, „daß Lyda mit Sarudin nichts gehabt hat. Das weiß ich nicht. Ich glaub es nicht.“ Er fügte es eilig hinzu, weil er den Ausdruck des Schmerzes bemerkte, der wie der Schatten einer vorbeifliegenden Wolke über Nowikows Gesicht huschte.
Nowikow sah ihn mit trüber Ahnung an.
„Ihre Beziehungen sind von so kurzer Dauer gewesen, daß nichts Ernstes vorgefallen sein kann. Besonders, wenn man Lydas Charakter in Betracht zieht. Du kennst doch Lyda.“
Vor den Augen Nowikows erstand das Bild Lydas, so wie er sie kannte und liebte; das stolze, schlanke Mädchen, mit den großen, bald zärtlichen, bald fast drohenden Augen, von reiner Kälte wie einer eisigen Gloriole umstrahlt. Er schloß die Augen; er glaubte alles, was Ssanin sprach.
„Und wenn es auch wirklich zwischen ihnen so was, wie einen gewöhnlichen Promenaden-Flirt gab, so ist jetzt sicher alles zu Ende. Und was geht dich im Grunde die kleine Leidenschaft eines freien Mädchens an, das doch nichts als ihr Glück suchen will. Du wirst sicher, auch ohne lange im Gedächtnis nachzugraben, Dutzende solcher Leidenschaften oder wahrscheinlich noch viel schlimmere bei dir selber finden.“