Nowikow hob die Augen rasch zu ihm empor, senkte sie aber ebenso schnell wieder, schwieg und lächelte weiter; — schwach und abwehrend.

„Lyda durchlebt jetzt ein furchtbares Drama.“ Ssanin sprach ganz leise, wie zufällig vor sich hin. „Hätte mich nicht der Zufall grade im richtigen Augenblick zu ihr gebracht, so würde sie schon nicht mehr sein. Und was gestern noch ein prachtvoller Mensch voller Leben war, läge jetzt nackt und ekelerregend von Krebsen benagt, irgendwo im Schlamm ... Aber — — daß sie nun tot wäre — darum handelt es sich am wenigsten! Jeder Mensch stirbt. Aber mit ihr wäre zugleich die ungeheure Freude gestorben, die sie in das Leben ihrer Umgebung hineintrug ... Lyda ist natürlich kein einziger Mensch; doch in ihr zeigt sich das Ganze. Und wenn die weibliche Jugend zugrunde gehen würde, dann wäre es in der Welt still, wie in einem Grab. Ja, ich muß sagen, wenn ich sehe, daß man ein schönes, junges Mädchen stumpfsinnig zu Tode hetzt, dann habe ich das dringende Verlangen, jemanden totzuschlagen ... eins über den Schädel ... So ... Ja, hör mal, mein Lieber, mir ist es ganz gleich, ob du Lyda wirklich heiratest oder ob du zum Teufel gehst. Ich möchte dir nur eins sagen ... Du Idiot, du, denke doch, wenn in deinem Schädel nur ein einziger, gesunder Gedanke hockt, würdest du dich dann selbst so quälen, dich und andere unglücklich machen, nur weil ein freies, junges Weib sich geirrt hatte, als sie sich das Männchen aussuchte. Grade nach dem Geschlechtsakte ist sie doch erst zu dem freien Menschen geworden und nicht vor ihm. Ich spreche nur zu dir. Aber du bist es ja nicht nur allein. Oh, diese Idioten, die das Leben zu einem unerträglichen Gefängnis, ohne Sonnenlicht und Bewegung, machen, sie zählen ja nach Millionen. Nun und du selbst. Wie oft bist du auf dem Bauch irgend einer Hure herumgerutscht, hast dich geil vor Gier gewunden, betrunken und schmutzig wie ein Hund, — — Du! Bei Lyda war Leidenschaft; es war eine Poesie der Schönheit und Kraft und dagegen bei dir ... Welches Recht hast du nun, dich von ihr wegzuwenden. Du, du hältst dich für einen klugen und gebildeten Menschen. Zwischen eurer Vernunft und dem Verständnis für das Leben sollen angeblich keine Scheidewände sein. Was geht dich ihre Vergangenheit an! Ist sie dadurch schlechter geworden? ... Wird sie dir vielleicht weniger Genuß geben können? ... Wolltest du ihr nicht selbst die Unschuld nehmen — — nein?“

„Du weißt selbst, das ist nicht so ...“ Nowikows Lippen bebten beim Sprechen.

„Nein, gerade so! Und wenn nicht das, was denn?“

Nowikow schwieg. In seiner Seele war es leer und dunkel geworden; nur wie ein erleuchtetes Fensterchen in dunkelem Feld zuckte in weiter Ferne das trübselige Glück der Vergebung, des Opfers und des Heroismus auf.

Ssanin schaute ihn an und es schien, als fange er seine Gedanken aus allen Windungen des Gehirnes heraus.

„Ich sehe,“ sagte er wieder mit leisem aber eindringlichem Ton, „daß du an Selbstaufopferung denkst. Hast für dich bereits ein Loch zum Durchkriechen herausgefunden. Sehr schön, ich lasse mich zu ihr herab, ich decke sie vor der Menge und so weiter ... Und nun wächst du schon in deinen Augen wie ein Wurm auf dem Mist. Nein, du belügst dich da! Nicht für einen Augenblick hast du Selbstaufopferung zu üben. Hätten Lyda die Pocken zerfressen, so müßtest du dich jetzt vielleicht bis zu einem gewissen Grade anstrengen; aber nach zwei Tagen würdest du anfangen, ihr das Leben zu verekeln. Dann hättest du über das Schicksal gejammert, und wärst entweder davongelaufen, oder, ... du würdest ihr das Leben ganz gehörig versalzen und dich verzweifelt als Opfer fühlen. Jetzt siehst du wie ein Heiligenbild auf dich. Warum auch nicht. Mache nur noch ein liebenswürdiges Gesicht und jeder wird dir bestätigen, daß du ein Heiliger bist. Zum Teufel, in Wirklichkeit hast du garnichts verloren ... Was willst du denn? Lyda hat genau dieselben Arme behalten, dieselben Beine, dieselbe Brust, dieselbe Leidenschaft, das gleiche, starke Leben ... Ja, Bruder, es ist doch wirklich ganz wunderschön, all das zu genießen und dabei noch mit dem Bewußtsein, ein edles Werk zu tun.“

Unter Ssanins Worten schrumpfte die rührselige Selbstbewunderung in Nowikows Seele zu einem kleinen Klümpchen zusammen und verendete wie ein zerquetschter Wurm, der sich daran vollgefressen hatte. In seiner Seele entstand ein neues Gefühl, reiner und aufrichtiger als das erste. Mit traurigem Vorwurf sagte er Ssanin:

„Du denkst schlimmer von mir, als in Wirklichkeit recht ist. Ich bin garnicht so stumpfsinnig, wie du meinst. Vielleicht ... ich will’s nicht bestreiten, ist in mir auch ein Stück von dem alten Aberglauben, aber ... sieh, Lyda Petrowna hab ich lieb. Und wenn ich nur wüßte, daß sie mich liebte, — — — ich würde mich nicht daran stoßen ...“ Das „daran“ sprach er nur mit Mühe. Die Schwierigkeit, dies eine Wort ebenso glatt auszusprechen, die ihm sofort zum Bewußtsein kam, verursachte ihm einen scharfen Schmerz.

Ssanin war plötzlich abgekühlt. Er wurde nachdenklich, ging durch das Zimmer, blieb am Fenster bei dem dämmrigen Garten stehen und redete leise vor sich hin: