XX

Glühender Sommer lag über der Stadt. In den Nächten stieg der helle, runde Mond hoch über dem Himmel, die Luft war warm und dicht und rief, vom Duft der Gärten durchtränkt, mächtige, wirre Wünsche hervor. Am Tage arbeiteten die Menschen, beschäftigten sich mit Politik, Kunst, mit der Durchführung verschiedener Ideen, mit Essen, Baden, Trinken, Sprechen, doch sobald die Hitze nachließ, die ruhig gewordenen Staubmassen sich schwerfällig legten und am dunkeln Horizont hinter dem fernen Wäldchen oder den nahen Dächern der Rand einer runden, rätselhaften Scheibe erschien, die die Gärten mit kühlem geheimnisvollen Licht überschwemmte, dann blieb alles stehen, gleichsam als ob man plötzlich irgendwelche bunte Kleider von sich abwarf, um frei und leicht ein echtes Leben zu beginnen. Und je jünger die Menschen waren, desto freier und voller wurde dieses Leben. Von den Gärten her sprudelten die Triller der Nachtigall, die Gräser von leichten Frauenkleidern erfaßt schwenkten eigenartig ihre Köpfchen, die Schatten wurden tief, in der Luft lag dumpfes Liebeswirren, die Augen blitzten bald auf, bald bedeckten sie sich mit Nebeln, Wangen wurden rosig, Stimmen verlangend und geheimnisvoll haschend, und neues menschliches Leben entstand urplötzlich unter kühlem Mondlicht im Schatten der schweigsamen Bäume, die Kühle atmeten, auf niedergebogenem saftigem Gras.

Auch Jurii Swaroschitsch glaubte, als er mit Schawrow Politik trieb, sich mit Selbstbildungsvereinen und der Lektüre der neuesten Bücher abgab, daß er gerade darin sein echtes Leben und die Auflösung und Klärung aller Zweifel und Unruhen finden müsse.

Aber soviel er auch las und was er auch begann, alles wurde ihm langweilig und niederdrückend; er sah kein Licht in seinem Leben. Ein solches Licht wollte nur in den Augenblicken aufflammen, in denen Jurii sich gesund und kräftig fühlte und in eine Frau verliebt war.

Früher schienen ihm alle jungen und schönen Mädchen gleich interessant; sie erregten ihn auch in gleicher Weise. Aber jetzt begann sich eine einzige abzuheben; sie nahm allmählich alle Farben und Schönheiten für sich allein und stand prächtig und liebenswürdig wie im Frühlingslicht ein Birkenbäumchen am Waldessaum vor ihm.

Sie war sehr schön, von hohem Wuchs, stark und kräftig, bewegte bei jedem Schritt ihre gespannte hohe Brust, trug den Kopf hoch aufgerichtet auf dem schlanken, weißen Hals, lachte hell, sang schön, und obgleich sie viel las, kluge Gedanken und ihre Gedichte liebte, empfand ihr ganzes Wesen doch nur dann volle Befriedigung, wenn sie irgend etwas Anstrengendes vorhatte, sich mit ihrem elastischen Busen gegen etwas stemmen mußte, etwas aus aller Kraft mit den Armen umschließen, mit den Füßen stoßen, lachen, singen und auf kräftige und schöne Männer blicken konnte. Manchmal wenn die Sonne schien, alles Dunkle niederbrechend, oder wenn auf dunklem Himmel der Mond glänzte, wünschte sie sich die Kleider herunterzureißen und nackt auf dem grünen Grase herumzulaufen, sich ins schwarze, schwankende Wasser zu stürzen, jemanden zu erwarten und zu suchen und dann mit einem klangvollen jubelnden Ruf an sich zu locken.

Ihre Anwesenheit erregte Jurii, und zauberte in ihm frische, unausgenützte Kräfte hervor. Vor ihr war seine Sprache farbiger und heller, seine Muskeln wurden kräftiger, sein Herz stärker und sein Denken schärfer. Den ganzen Tag hindurch dachte er nur an sie, des Abends ging er sie zu suchen; und doch verbarg er es auch vor sich selbst. In seiner Seele lag noch etwas, wie ein abgenagter Knochen, der sich der Kraft, die von innen heraus zur Freiheit drängte, in den Weg legte. Jedes Gefühl, das in ihm auftauchte, hielt er fest, um es zu analysieren. Dadurch wurde das Gefühl farblos und fahl und verlor seine Blätter, wie eine Blume im Frost. Wenn er sich danach fragte, was ihn zu Karssawina ziehe, so antwortete er sich, daß es der Geschlechtstrieb sei und weiter nichts. Und obgleich er selbst keinen Grund dafür angeben konnte, rief dieses eckige, harte Wort nachlässige und niederdrückende Verachtung vor sich selbst hervor.

Inzwischen legte sich ein geheimnisvolles Band um sie und wie in einem Spiegel fand sich jede seiner Bewegungen in ihr und ihrer in ihm wieder.

Karssawina versuchte nicht, sich über die geheimen Regungen ihrer Seele klar zu werden. Nur wie von ferne lauschte sie ihnen glücklich, gleichzeitig aber bemüht, sie vor den Anderen geheim zu halten. Es verursachte ihr quälende Unruhe, daß sie nicht alles verstehen konnte, was in Seele und Körper des schönen und jungen Menschen, den sie liebte, vorging. Zeitweilig redete sie sich ein, daß zwischen ihnen keine besonderen Beziehungen beständen; dann brach sie plötzlich in Schluchzen aus, als ob sie einen unersetzlichen Schatz verloren hätte. Auch die Aufmerksamkeit anderer Männer, deren seltsame Blicke sie oft auf sich gerichtet spürte, vermochte sie dann nicht zu trösten. Fast immer blieb sie ihnen gegenüber vollständig gleichgültig. Nur zu Zeiten, wenn sie sicher war, von Jurii geliebt zu werden und unter diesem Gedanken wie eine Braut aufblühte, bemerkte sie, daß sie auf andere besonders aufreizend wirkte; dann wurde sie selbst von den geheimnisvoll gierigen Wünschen in Aufruhr gebracht.