Eine besondere sinnliche Spannung empfand sie, wenn sich ihr Ssanin mit seinen breiten Schultern, ruhigen Augen und den sicheren, kräftigen Bewegungen näherte. Sobald sie sich bei dieser unfaßbaren Erregung ertappte, erschrak sie, hielt sich für schlecht und verdorben, konnte es aber doch nicht unterlassen, Ssanin auch weiter mit Neugierde zu betrachten.

An dem Abend des Tages, an dem Lyda ihr furchtbares Drama durchlebte, trafen sich Jurii und Karssawina in der Bibliothek. Sie grüßten sich einfach; jeder war von seiner Arbeit in Anspruch genommen. Karssawina suchte sich Bücher aus, während Jurii die Petersburger Zeitungen durchblätterte. Doch traf es sich wieder, daß sie zusammen hinausgingen und so begleitete Jurii Karssawina durch die schon leeren vom Mond beleuchteten Straßen.

In der Luft lag eine ungewöhnliche Stille und nur die Knarre des Nachtwächters drang von der Entfernung gemildert zu ihnen herüber, hin und wieder auch hinter den Häusern hervor das Belfern eines kleinen Hundes.

Am Boulevard stießen sie auf eine Gesellschaft, die im Schatten der Bäume saß. Von ihr schallten lebhafte Stimmen zu ihnen her, die Feuerchen von Zigaretten glimmten einen Augenblick auf und zeigten Schnurrbärte und rote Gesichter. Als sie bereits vorbeigegangen waren, hörten sie eine helle, fröhliche Männerstimme ein Lied beginnen: Das Herz der Schönen ist ein Hauch im Felde ...

Dicht bei dem Hause, in dem Karssawina wohnte, setzten sie sich auf eine Bank, die an einem fremden Tore stand. Aus seinem tiefen Schatten heraus hatten sie jetzt die breite vom Mondlicht gleichmäßig beschienene Straße bis zu einer weiß schimmernden Kirchenkuppel vor sich liegen. Dort hinten schwankten breite Linden, die das leuchtende Bild in einen dunklen Rahmen spannten; über ihnen funkelte kühl wie ein Stern das goldene Kirchenkreuz gegen den Himmel.

„Sehen Sie, wie schön,“ sagte Karssawina gedehnt und wies mit der Hand durch die Luft.

Jurii warf verstohlen einen entzückten Blick auf ihren weißen Oberarm, der weich durch die kurzen Aermel der kleinrussischen Bluse blickte; er hatte das unbändige Verlangen, sie an sich zu reißen und auf die vollen saftigen Lippen zu küssen, die den seinen verführerisch nahe standen. Plötzlich fühlte er, daß es sogleich geschehen müsse; auch sie schien mit Furcht und Sehnsucht nur darauf zu warten.

Aber dieser Augenblick entfiel ihm. Er wurde schlaff, zog die Lippen zusammen und stieß ein spöttisches Räuspern aus.

„Warum das? ...“ fragte Karssawina.

„Ach nichts,“ Jurii konnte das leidenschaftliche Beben in seinen Füßen nur mit Mühe überwinden. „Es ist zu schön ... hier.“