Eins, zwei, drei, dachte Jurii und bemühte sich mechanisch so zu gehen, daß er mit jedem Schritt über zwei Dielen fort, immer erst die dritte mit seinem Fuße berührte. — — — Wenn ich nur sicher wüßte, daß es kein Kind geben wird. Oder wenn ich meine Kinder so voll und ganz liebgewinnen würde, daß ich Ihnen mein Leben hingeben könnte. Nein, das ist auch banal, genau so wird auch ein Rjäsanzew seine Sprößlinge lieben. Wodurch werden wir uns dann voneinander unterscheiden. Leben und sich opfern, das ist das echte Leben. Ja, aber wem sich opfern. Wie? ... Auf welchen Weg ich mich auch stürzen werde, und was für ein Ziel ich mir auch vorstelle, wo gibt es jenes reine und zweifelsfreie Ideal, für das man nicht einen Augenblick zu bedauern brauchte, — — — zu sterben. Ja, nicht ich bin schwach, sondern das Leben ist keiner Opfer und Hingabe wert ... Ist es aber so, ... dann lohnt es sich ja garnicht zu leben.
Diese Schlußfolgerung hatte sich noch niemals vorher so stark in Juriis Hirn festgesetzt.
Auf seinem Tisch lag stets ein Browning. Jetzt bekam er ihn zu Gesicht, sobald er beim Gehen am Tisch vorbeikam und kehrt machte; jedesmal fielen ihm dann die glänzenden Teile ins Auge, die gegen das Mondlicht spiegelten. Schließlich nahm er ihn in die Hand und betrachtete ihn aufmerksam. Er war geladen. Jurii spannte den Hahn und drückte ihn an die Schläfe. So, dachte er ... nur einmal abgedrückt und alles ist fertig. Ist es klug oder nur eine blödsinnige Dummheit sich niederzuknallen. Selbstmord ist Kleinmut. Auch gut, so bin ich feige.
Die vorsichtige Berührung des kalten Eisens mit der heißen Schläfe war angenehm und gleichzeitig bange.
— — — Und Karssawina? ... schwirrte es ihm mit einem Mal kalt durch den Kopf ... Ich werde sie also nicht besitzen und diesen Genuß, der mir vielleicht zufallen würde, irgend einem anderen überlassen müssen.
Bei dem Gedanken an Karssawina zitterte in ihm alles vor zarter Wollust. Aber mit scharfer Willensspannung zwang sich Jurii zu der Ueberlegung, daß Alles nur Kleinigkeiten seien, nichts im Vergleich mit jenen tiefen und wichtigen Ideen, die seinen Kopf durchwühlten. Doch das blieb Zwang und das unterdrückte Gefühl rächte sich, indem es den unbestimmten Gram und seine Abneigung gegen das Leben noch verstärkte.
— — — Warum soll ich es in der Tat nicht tun? ... fragte sich Jurii mit zitterndem Herzen.
Mit einer Bewegung, an die er selbst nicht glaubte und über die er sogar schamhaft lächelte, setzte er den Revolver nochmals an die Schläfe. Doch dann drückte er, ohne sich noch einen Augenblick über sein Vorhaben Rechenschaft abzulegen, den Hahn ab. Im selben Augenblick durchzuckte ihn eine kalte, schneidende Empfindung und riß sich plötzlich in ihm in entsetzlicher Angst los. Es rauschte in seinen Ohren, das ganze Zimmer brach hinter ihm fort. Doch es gab keinen Schuß, die Waffe hatte versagt; nur das schwache, metallische Klappern des Hahnes verklang deutlich in seinen Ohren.
Eine Schwäche erfaßte ihn vom Kopf bis zu den Füßen, sodaß er unwillkürlich die Hand mit dem Revolver sinken ließ. Alles bebte an ihm und schmerzte ihn, der Kopf schwindelte, der Mund trocknete plötzlich aus; als er den Revolver aus der Hand legen wollte, schlugen seine Hände nervös hin und her und klapperten einige Mal mit der Waffe gegen die Tischplatte.
— — — Ein schöner Kerl bin ich, dachte er. Er bemeisterte seine Aufregung, trat vor den Spiegel und blickte in die dunkle Fläche. — — So bin ich also ein Feigling? ... Nein, dachte er mit einem Anflug von Stolz. Nein, kein Feigling! Getan hab ich’s, — — — ist nicht meine Schuld, daß es versagte.