„Das Christentum hat keine Zukunft,“ fiel ihm Jurii mit grundloser Erbitterung ins Wort. „Wenn das Christentum die Menschheit nicht in der Zeit seiner höchsten Entwickelung unterjochen konnte, wenn es nur einem Haufen Schurken in die Hände geraten konnte, die es als Werkzeug ihrer frechen Betrügereien gebrauchten, dann ist es jetzt, wo bereits das Wort Christentum abgeschmackt klingt, doppelt lächerlich und komisch, irgend ein Wunder seiner Erneuerung abzuwarten. Die Geschichte verzeiht niemals. Was einmal von der Bühne herunter ist, kommt niemals wieder herauf.“
Der hölzerne Bürgersteig war unter den Füßen kaum sichtbar. Ging man unter den Bäumen, war überhaupt nichts mehr zu erkennen, auch die Stimmen machten, weil man keine Gesichter unterscheiden konnte, einen unnatürlichen Eindruck. Stieß einer oder der andere gegen einen Straßenpfosten, so wurde seine Stimme sofort noch aufgeregter und wütender.
„Das Christentum von der Bühne fort? ...“ rief von Deutz. In seinem Ton klang übertriebenes Staunen und Entrüstung.
„Natürlich! Weg, — — einfach weg,“ beharrte Jurii. „Sie tuen so erstaunt, als wenn man das gar nicht ausdenken dürfe. Wie der Mosesglauben zur rechten Zeit von der Szene abgetreten ist, wie Buddha und die hellenischen Götter für uns nicht mehr leben, so ist auch Christus gestorben. Das Gesetz der Evolution ... was erschrecken Sie denn davor! Sie glauben doch wohl nicht an die Göttlichkeit seiner Lehre.“
„Selbstredend nicht,“ fauchte verletzt von Deutz. Er antwortete weniger auf die Frage als auf den verletzenden Ton Juriis.
„Wollen Sie also wirklich die Behauptung aufstellen, daß der Mensch ein ewiges Gesetz schaffen kann?“ ... dieser Idiot, dachte er im stillen weiter. Die unerschütterliche Sicherheit, daß dieser Mensch niemals imstande sein würde, das, was für ihn selbst so tagesklar und einfach war, zu verstehen, die angenehme Empfindung, daß jener dümmer sei, verband sich im Kopfe Juriis unsinnigerweise mit dem wütenden Verlangen, ihn unter allen Umständen zu überzeugen und umzustimmen.
„Zugegeben, daß dem selbst so wäre,“ erwiderte dieser jetzt ebenfalls erbittert. „Aber das Christentum ist nun einmal zur Grundlage der Zukunft geworden. Es ist nicht zugrunde gegangen, sondern wie ein jeder Same in den Boden gesunken, — seine Früchte werden ...“
„Wer hat denn davon gesprochen — ich nicht,“ schrie Jurii, aus dem Konzept gebracht und darüber noch erboster. „Ich wollte sagen ...“
„Nein, erlauben Sie bitte,“ fiel ihm von Deutz triumphierend ins Wort, er fürchtete wieder die Oberhand zu verlieren. Im Gehen drehte er sich fortgesetzt um und kam dabei stets vom Bürgersteig herunter. „Sie haben grade so gesagt ...“
„Wenn ich sage, daß es nicht so war, dann war es eben nicht so ... Es ist eigentümlich,“ unterbrach ihn Jurii seinerseits. Er empfand einfachen, bitteren Haß, bei dem Gedanken, daß dieser Dummkopf von Offizier einen Augenblick glauben konnte, er wäre der Intelligentere. „Ich wollte sagen ...“